Kooperation beim Menschen: Selbstlose Hilfe und Hilfen tauschen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich

Gastbeitrag von Karl-Heinz Kock, Zeitvorsorge Köln e.V.

Im Rahmen der Mitgliederwerbung für den Verein Zeitvorsorge Köln e.V. wurde von ehrenamtlichen Besucher- und Nachbarschaftshilfegruppen immer wieder geäußert, dass die Erfassung der Zeiten für die Hilfeleistungen in einer Zeitbank für die eigene Vorsorge nicht zu ihrem christlichen Selbstverständnis passe – sie würden selbstlos helfen. In der Tat liegt der Zeitvorsorge das Prinzip „Geben und Nehmen“ zugrunde. Hier liegt offenbar ein Missverständnis vor, denn beide Formen der Hilfeleistung ergänzen sich in idealer Weise.

Zunächst weist die Kooperationsforschung nach, dass es in der Natur der Menschen liegt, sich gegenseitig zu helfen, d. h. die Hilfsbereitschaft ist genetisch in ihm fest verwurzelt. Wir brauchen deshalb auch keine Angst zu haben, dass uns irgendwann einmal die Ehrenamtlichen Helfer ausgehen werden. Das beweist auch der Freiwilligensurvey[1] für die Zeit seit 1999, nach dem trotz Individualisierung die Zahl der freiwillig sozial Engagierten tendenziell leicht ansteigt. Solidarität ist also im Kern keine Kulturleistung wie eine Tugend, sondern eher ein Instinkt.

Es gibt vier unterschiedliche Formen der Kooperation[2]: Heldentum, familiäre Hilfe, Geben und Nehmen bzw. Tauschen und selbstloses Helfen. Für soziales bürgerschaftliches Engagement sind nur die beiden letztgenannten von Bedeutung. Einerseits leisten heute die meisten Ehrenamtlichen Hilfen aus christlicher Nächstenliebe oder aus reiner Freude am Helfen (s.o.). Andererseits ist „Geben und Nehmen“ ebenfalls im täglichen Leben selbstverständlich. Tauschen wird derzeit wieder beliebter und in den über 300 Tauschringen wird dies in Deutschland bereits seit langer Zeit praktiziert. Aber denken Sie mal an Nachbarschaftshilfe, was auf den ersten Blick als selbstlos erscheint. Wenn dann aber vom Nachbar umgekehrt nie eine halbwegs adäquate Unterstützung kommt, werden Sie diesem auch ihrerseits nicht mehr helfen.

Wer freiwillige soziale Hilfeleistungen nach dem Prinzip „Geben und Nehmen“ nicht als freiwilliges soziales Engagement anerkennt, der schließt eine ziemlich große Zahl von Bürgern aus, die sich eventuell ehrenamtlich betätigen würden. Nach Studienlage[3] [4] [5] gehören nämlich etwa ein Viertel der Bürger und Bürgerinnen zu dieser Gruppe (!). Diesen reichen die derzeitigen Anerkennungsformen nicht aus und sie fühlen sich teils sogar ausgenutzt, wenn sie für ihre unentgeltlichen Hilfen nur ein Dankeschön bekommen. Aus den gleichen Studien geht ebenfalls hervor, dass sich von diesen nur etwa 10% eine Tätigkeit in dem für uns relevanten sozialen Bereich suchen. Können wir uns wirklich leisten auf diese etwa 2 Millionen potentiellen Ehrenamtlichen zu verzichten, bloß weil den selbstlosen Helfern diese Form der Anerkennung nicht gefällt, für freiwillige Hilfen auch für sich selbst etwas Konkretes zurück zu bekommen? Stattdessen sollten wir diese beiden Formen der Solidarität harmonisch kombinieren. Die Zeitvorsorge tut dies, weil auch dort Hilfeleistungen nicht nur getauscht werden, sondern Zeitguthaben auch selbstlos verschenkt werden können.

Entwicklung des freiwilligen Engagements

(aus Fußnote 3 „Die demographische Lage der Nation“, Berlin-Institut)

[1] Thomas Gensicke, Sabine Geiss: „Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009 – Zivilgesellschaft, soziales Kapital und freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004-2009“

[2] Martin A. Nowak: „Warum sind wir hilfsbereit?“, Spektrum der Wissenschaft, Nov. 2012, S. 77ff

[3]Die demographische Lage der Nation – Was freiwilliges Engagement für die Regionen leistet“, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2011, 1. Auflage, ISBN 978-3-9812473-5-0

[4] EMNID-Studie zum ehrenamtlichen Engagement, 2011, www.drk-nordrhein.de/mitmachen/emnid-studie-ehrenamt/hintergrund-informationn-zur-emnid-studie.html

[5] „Alter neu erfinden“, Forsa Umfrage März 2012 (im Auftrage der Körber Stiftung und des stern-Magazins)

 

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