Einladung zur Heimatspurensuche

Eröffnungsimpuls von Barbara Eifert, wissenschaftliche Begleitung der Landesseniorenvertretung NRW, FfG Dortmund

In diesem Impuls geht es um einen aufgeladenen, kulturell bedeutsamen Begriff mit unendlichen Facetten und Assoziationen und daher auch mit keiner einheitlichen Definition: Es geht um HEIMAT – oder Heimaten, auch wenn es diesen Plural im Deutschen (noch) nicht gibt. Kommen Sie also mit zu einer Heimatspurensuche.

Foto 1 Andreas Denk, Gemäldelandschaft
Foto 1 Andreas Denk, Gemäldelandschaft

Fragen

„Was ist Heimat? Ein Ort, Staat, [eine Landschaft], eine Empfindung, eine Idee? Definiert sich Heimat über Herkunft, Geburt, Abstammung? Ist Heimat ein politischer Begriff? Was bleibt in unserer Zeit von Heimat außer medial vermittelter Folklore?“ (Denk 2003)

Heimat bietet Raum für Diskussionen. Für Heimat gibt es keine einheitliche Definition. Das erfordert Auswahl und macht zugleich das Gespräch darüber so überaus interessant.

Dimensionen

Gleichwohl lassen sich nach Handschuh (1990) vier Dimensionen zur Annäherung benennen, die der Begriff „Heimat“ aufweist. Es geht also um – hoffentlich – hilfreiche Strukturen:

  • Heimat hat eine räumliche Dimension, d. h., bei Heimat kann es um eine Landschaft, einen Ort, einen Stadtteil, ein Quartier, eine Straße, eine Wohnung gehen …
Foto 2 Monika Remlinger, Seilergasse 1
Foto 2 Monika Remlinger, Seilergasse 1

Heimat hat eine zeitliche Dimension, d. h., bei Heimat geht es oftmals um eine Lebenszeit, die mit Heimat verbunden wird; meist ist es die prägende Kindheit, an die wir uns im Lebenslauf unterschiedlich intensiv und mit unterschiedlichen Färbungen erinnern. Eine bekannte Redewendung kommentiert dies: „Die Erinnerung färbt alles golden.“

Foto 3 Barbara Eifert, Kinderfoto
Foto 3 Barbara Eifert, Kinderfoto

Heimat hat

  • eine soziale Dimension, d. h., bei Heimat geht es fast immer auch um Beziehungen und Bezüge von Menschen zu den Lebenden und den Toten, an einem Ort, in einer Zeit;
  • eine kulturelle Dimension, das bedeutet sehr vieles: Unter anderem geht es bei Heimat oft um regionale Bezüge der Menschen, um Religionsbezüge, um sprachliche Bezüge, um einen Dialekt, einen Slang, um das Brauchtum einer Region, um große und kleine Traditionen (wie etwa sogenannte Notnachbarn im ländlichen Raum), um Filme etc.
Foto 4 Barbara Eifert, Heimatteller
Foto 4 Barbara Eifert, Heimatteller

Ergänzt werden müssten diese vier Dimensionen von Heimat um

  • eine emotionale (z. B. Musik oder Heimweh verweisen darauf),
  • eine sinnliche (z. B. Essen, Gerüche) und
  • eine spirituelle Dimension (ein Sinn über den einzelnen hinausgehend), eine vernachlässigte Dimension, die von Rechten und Sekten leider gerne ‚gefüllt‘ wird.

Filme

Foto 5 Andreas Denk, Landschaftsbild
Foto 5 Andreas Denk, Landschaftsbild

Alle genannten Dimensionen spielen bei der Heimatspurensuche eine Rolle und meistens treten sie in Verbindung miteinander auf. So nicht nur in unseren Erinnerungen, sondern auch beispielsweise in den Heimatfilmen der 1950er und Anfang der 1960er Jahre. In diesen Filmen wurden verschiedenste Dimensionen von Heimat verbunden und aufgegriffen und den Menschen für ihr Bedürfnis nach Vergessen und etwas Schönem eine sehr einfache Welt präsentiert. Im Folgenden ein Zitat aus der Werbung der Gloria Filmverleih GmbH für „Grün ist die Heide“ von 1951, einen Film, den 18 Millionen Zuschauer in Deutschland (ein Drittel der Bevölkerung) im Kino sahen: „Nachts, wenn die Heide schläft, erwacht die Leidenschaft des Wilderes, und das Röhren der Hirsche verstummt unter seinem Schuss.“ Nun, die Geschichte ist rasch erzählt …

Glücklicherweise geht alles gut aus, so verlässlich, wie es nur im Heimatfilm sein kann. (Maack 2012)

Foto 6 Barbara Eifert, Hülle des Videos zu HEIMAT
Foto 6 Barbara Eifert, Hülle des Videos zu HEIMAT

Von einer ganz anderen, gleichwohl überaus sinnlichen Perspektive gingen ab 1984 die Filme HEIMAT von Edgar Reitz aus, die die Geschichte einer Familie im Hunsrück und jener, die aus dieser Heimat auszogen, erzählen. In diesen beiden filmischen Polen spiegelt sich die mögliche Bandbreite der Betrachung von Heimat im Kontext der Zeitgeschichte wider. Wer Auseinandersetzungen mit dem Begriff „Heimat“ über diese vierte Herbstakademie hinaus in Betracht zieht, dem sei Edgar Reitz’ Film- und Lebenswerk empfohlen, denn hier ist etwas Einmaliges, großartig Berührendes – fernab des Försters vom Silberwald und Hollywood – zu Heimat gelungen. Aber schauen Sie selbst!

Aktualität

Foto 7 Barbara Eifert, ‚Glöckchen‘
Foto 7 Barbara Eifert, ‚Glöckchen‘

Heimat als ein Phänomen betrachtet, erfreut sich gerade in diesen Wochen hoher Konjunktur. Die Gründe dieser Aktualität sind wie Heimat selbst mannigfaltig. Allein die vielen heimatlosen Menschen, die unterwegs sind und nach neuen Heimaten suchen müssen und unseres Mitgefühls sowie unserer Solidarität bedürfen, sind Anlass genug, dass Heimat im besten Sinne ein willkommenes Thema wird.

Sehnsucht

Daneben gründet sich die Aktualität von Heimat wohl auch in der stärker oder vielleicht nur offensichtlicher werdenden Sehnsucht nach Bestand, Zugehörigkeit und Identitätsstiftung in einer rasant komplexer werdenden Gegenwart im globalen Ausmaß. Vielleicht geben ja auch die allerorten zelebrierten Oktoberfeste inklusive Verkleidung überall in Deutschland, weit entfernt von den eigentlichen südlichen Wiesen einen Hinweis auf solche Sehnsucht, jenseits der immer währenden nach Eventfeiern? Ambivalente Assoziationen gehören zum Heimat-Diskurs und immer ist da ja auch das Gefühl, die Sehnsucht …

Geschichte

Foto 8 Barbara Eifert, Blick auf einen Kirchturm
Foto 8 Barbara Eifert, Blick auf einen Kirchturm

Wenn Menschen nach ihren Heimatbildern gefragt werden, kommen dabei häufig ländliche Idyllen, in denen naturnah und gemeinschaftlich gelebt wird, zum Vorschein (Mitzscherlich 2001).

Diese verbreiteten Bilder haben eine Historie über den Einzelnen hinausgehend, denn begriffsgeschichtlich hat Heimat seinen Ursprung in einem Stück Grund und Boden. Verknüpft wurde dieses Stück ‚Grund und Boden‘ auf dem Land in der Regel mit einem Eigentum und daraus resultierenden Aufenthalts-, Bleibe- und zum Teil auch Heiratsrechten bis ins 19. Jahrhundert (Bausinger 1980 und 1990). Aus der ehemals bäuerlich-ländlich geprägten Begriffsbestimmung und in deren Abgrenzung von der durch die Industrialisierung aufkommenden Stadtkultur entstand – zusammengefasst – ein kulturelles Stereotyp von Heimat, das auch in der Gegenwart Wirkungskraft und Wirkungsmacht entfaltet. Das kleine Haus am Wald oder See, wo Geborgenheit wartet – wo die Welt noch in Ordnung ist –, dieses Bild ist auch in der Gegenwart für viele Menschen noch ein – oftmals DER Archetyp von Heimat. Dies gilt, obgleich die bewirtschaftete ländliche Heimat immer mehr zu einer Ausflugswelt für Spaziergänger geworden ist, die betrachtet und dabei zunehmend idealisiert und romantisiert wird. Der Archetyp gilt, obwohl die Dauerhaftigkeit von Geborgenheit nachweislich fragil ist.

Foto 9 Barbara Eifert, Haus mit Katze
Foto 9 Barbara Eifert, Haus mit Katze

Festzuhalten ist: Der ursprüngliche Heimatbegriff war nüchtern pragmatisch, ohne Pathos und nationalen Bezug. Das kam später, leider und leidvoll.

Hinterfragungen und Ablehnungen erfuhr und erfährt der Heimatbegriff wegen seines Missbrauchs durch die gesamte politische Rechte gestern – wie heute. In den 1960er und 70er Jahren erfolgten aus dieser wichtigen Kritik notwendige Abgrenzungen und Ablehnungen des Heimatbegriffs und infolgedessen auch sprachliche Ersetzungen des Begriffs „Heimat“. Aus dem Schulfach „Heimatkunde“ wurde so beispielsweise der sogenannte „Sachunterricht“ (Wikipedia: Stichwort „Heimat“).

Wenn auch der Blick zurück in die Geschichte und in die Gegenwart – auf die ewig Gestrigen in diesen Fragen – uns lehrt, dass es gute Gründe gibt, dem politischen sowie dem kommerziellen Gebrauch von Heimat zu misstrauen, so entspricht der Diskurs zu Heimat ganz offensichtlich einem Bedarf. Worin liegen die Gründe dafür?

Modernität

Der moderne Mensch, überwiegend rational, flexibel, mobil, weltweit vernetzt, überall erreichbar und auch überall zuhause, so schien – und scheint – es vielen nach wie vor, hat keinen sicheren Rückzugsort mehr und braucht auch keine Heimat mehr.

Psychologie

Foto 10 Barbara Eifert, Blick aus dem Zugfenster
Foto 10 Barbara Eifert, Blick aus dem Zugfenster

Begriffe wie „Muttersprache“ und „Vaterland“ lehren uns ebenso wie die Psychologie anderes. Drei zentrale menschliche Bedürfnisse können nach Beate Mitzscherlich von Heimat angesprochen und integriert werden:

  • Mit Heimat verbunden wird ein Ort, an dem Menschen sich kennen, an dem Menschen gekannt werden und wo sie anerkannt werden (nach Geverus).
  • Mit Heimat wird ein Gestaltungsraum verbunden (falls dies nicht möglich ist, wird Heimat als eng und einengend empfunden und verlassen).
  • Mit Heimat wird ein überindividueller Sinnzusammenhang verbunden, d. h., damit werden Menschen auf etwas über die unmittelbaren Interessen und Bedürfnisse Hinausgehendes verwiesen. Dieser Aspekt wurde bereits zu Beginn dieses Impulses als eine mögliche Dimension von Heimat benannt.

Alle drei hier angesprochenen Bedürfnisse kann Heimat im guten oder besten Fall integrieren.

Heimweh

Zur Heimat gehört ganz wesentlich das Weggehen. Oft wird Heimat erst empfunden, wenn ein Mensch seine Heimat verlässt, sie verliert.

„Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum …“, so beginnt ein Gedicht von Hilde Domin, die vertrieben wurde aus Deutschland, fliehen musste bis in die Dominikanische Republik und ihre Heimat verlor. Sie suchte notgedrungen Heimat im Wort, wie dies auch Rose Ausländer formulierte: „… wir wohnen im Wort.“

Wer seine Heimat verliert, von ihr entfernt ist, den plagt oftmals das Heimweh. Dieses vielen bekannte Gefühl wurde von Johannes Hofer, einem Schweizer Arzt in Basel, vor 400 Jahren erstmals näher analysiert. Der Arzt hatte es bei Söldnern beobachtet. Heimweh wurde so zu einer anerkannten Krankheit und so zunächst als „Schweizer Krankheit“ bekannt. (Lagemaß 2013)

Foto 11 Barbara Eifert, Fensterblick
Foto 11 Barbara Eifert, Fensterblick

Johannes Hofer sprach bezüglich des Heimwehs auch von „Nostalgie“, einem Wort, das sich aus den griechischen Begriffen „Heimkehr“, „Vergangenheit“ und „Schmerz“ zusammensetzt. So wie es den Odysseus schon ergriff, der, obgleich in paradiesischen Zuständen bei der Göttin, der Nymphe Kalypso, am Meer saß und weinte, da er sich nach Heimkehr sehnte (Hampe, Roland: Homer, Odyssee, fünfter Gesang, 151-154, Seite 78).

So viel zum Heimweh, zu dem Ihnen sicher allen eigene Geschichten einfallen.

Beheimaten

Kommen wir wieder in die Heimat, an die Orte, in denen wir leben. Sich dort zu beheimaten, dort beheimatet sein – so formuliert es Beate Mitzscherlich (2001) –, das ist eine Aufgabe gerade im Zeitalter der Mobilisierung und Globalisierung.

Foto 12 Barbara Eifert, Tor
Foto 12 Barbara Eifert, Tor

Der Wunsch und die Sehnsucht nach Beheimatung bestehen, und daraus resultierend geht es um die Frage, wie dies gelingen kann – wo auch immer, mit wem auch immer. Es ist wohl auch Teil unserer aller Arbeit, genau hierzu beizutragen, dass Menschen sich beheimaten und sich so fühlen an einem Ort, so wie sie sind. Damit Heimat nicht allein ein Ort ist, an dem man zu essen und trinken und ein Dach über dem Kopf hat. Sondern an dem es Beziehungen und Bezüge für Menschen gibt, auch dann, wenn sie nicht (mehr) fit, wirtschaftlich potent und mobil sind, sprich: in allen Lebenslagen und -phasen.

Schließen möchte ich meine Heimatspurensuche mit einem Dank an alle, die mitgekommen sind, und mit den Worten des Dichters Novalis, der fragte: „Wo gehen wir denn hin?“ und der antwortete: „Immer nach Hause.“

Literaturauswahl

Bausinger, Hermann (1990) Heimat in einer offenen Gesellschaft. Begriffsgeschichte als Problemgeschichte. In: Heimat: Analysen-Themen-Perspektiven, Bonn, S. 76–90

Bausinger, Hermann (1980 Kulturelle Identität – Schlagwort und Wirklichkeit. In: Konrad Köstlin u. a. (Hrsg.): Heimat und Identität. Probleme regionaler Kultur. Neumünster: Wachholtz 1980, S. 9–24

Denk, Andreas (2003) „Heimat?“ In: ‚Der Architekt‘. Zeitschrift des Bundes Deutscher Architekten BDA (Hrsg.), Ausgabe 9-10, November 2003, S. 21

Handschuh, Gerhard (1990) Brauchtum – Zwischen Veränderung und Tradition. In Bundeszentrale für politische Bildung; Heimat, Bonn 1190, S. 635

Lagemaß Nr. 1/07.2013, „Teilhabe“. Eine Publikation von infas, Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH Bonn, s. http://www.infas.de

Maack, Benjamin (05. April 2012, 17:06 Uhr) „Die Leute woll’n wat Schönes sehn“. Geburt des Heimatfilms. URL: http://www.spiegel.de/einestages/geburt-des-heimatfilms-a-9447553.html

Mitzscherlich, Beate (2001) Die psychologische Notwendigkeit von Beheimatung. http://www.kirchen.net/upload/3205_mitzscherlich_2001.htm, S.1–6

Hampe, Roland (1979): Homer, Odyssee, Fünfter Gesang, Zeilen 151-154, Seite 78, Reclam, Stuttgart

Wikipedia, Stichwort „Heimat“ s. https://de.wikipedia.org/wiki/Heimat, S. 9

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Daniel Hoffmann

Seit 1995 Mitarbeiter im Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln. Projektleiter des Forum Seniorenarbeit NRW und verantwortlich für den Themenschwerpunkt "Engagement älterer Menschen in der digitalen Gesellschaft".
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