Software-Angebote als Potenzial zur Unterstützung des Freiwilligenmanagements – Fünf Fragen an Dr. Günther Lachnit

Durch die Digitalisierung unserer Gesellschaft verändert sich auch das bürgerschaftliche Engagement. Um die Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Helfern auch in der Zukunft sicherstellen zu können, benötigen Organisationen und Träger, sowie Verbände und Kommunen neue Organisations- und Kommunikationswege. In fünf Fragen hat Paula Manthey, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forum Seniorenarbeit NRW, mit Dr. Günther Lachnit, Experte im Bereich Software-Angebote im Freiwilligenmanagment, sich der Fragestellung gewidmet, inwieweit Software-Angebote die Organisation von Ehrenamt unterstützen können.

Dr. Günther Lachnit, Portrait G. Lachnitist der Geschäftsführer und Mitinhaber von freinet-online, verheiratet, 2 Kinder. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jan Rademacher hat er vor 13 Jahren freinet-online gegründet und das Unternehmen zur marktführenden Software für das Freiwilligenmanagement in Deutschland ausgebaut. freinet-online bietet eine umfassende Software zur Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements sowie des Freiwilligenmanagements. Gemeinsam mit Partnern in Freiwilligenagenturen, Kommunen und Verbänden bildet freinet-online eine Logo freinet-onlineflexible Entwicklungsgemeinschaft, die zahlreiche Chancen der Engagementförderung im Internet erschließt.

Paula Manthey: Herr Dr. Lachnit, viele gemeinnützige Organisationen und Träger, sowie Verbände und Kommunen suchen nach Möglichkeiten, Ihre Zusammenarbeit mit freiwilligen und ehrenamtlichen Helfenden zu digitalisieren bzw. effektiver zu gestalten. Inwieweit können Software-Angebote wie freinet-Online die Organisation von Ehrenamt unterstützen? Wozu wurde die Software entwickelt?

Dr. Günther Lachnit: Am Anfang der Entwicklung von freinet-online standen erst einmal ein paar engagierte Frauen und Männer aus Freiwilligenagenturen, die uns beauftragt hatten, ein ziemliches Gewirre aus Aktenordnern, Flyern, Excel-Tabellen und sonstigen Daten in eine einheitliche Datenbank zu packen. Sie wollten einfach mehr Überblick über den eigenen Datenbestand haben! Also zunächst einmal recht pragmatische Motive, zur Systematisierung und zur Vereinfachung der Abläufe. Das leistet eine Datenbank wie freinet-online dann auch relativ schnell und gründlich. Auf einfache Weise lassen sich damit aus einer zentralen Datenspeicherung heraus Plattformen „bespielen“, z.B. Websites, Soziale Medien und Portale, mit deren Hilfe Engagement und demokratische Beteiligung gestützt und angeregt werden kann.

Viele nützliche Funktionen sind dann aus der Praxis heraus entstanden: Veranstaltungskalender, Newsletter, Freiwilligentage, Selbstpflege der Daten durch Vereine und Einrichtungen und vieles mehr. Das erleichtert den Alltag ungemein, ist aber auch für alle Beteiligten eine Herausforderung, sich mit der digitalen Seite des Bürgerengagements auseinanderzusetzen. Damit meine ich nicht nur die „Bedienung“ einer Software, sondern mehr noch die fachliche und konzeptionelle Ausgestaltung der Arbeit mit Hilfe der Technik. Digitales ist kein Selbstläufer! Es macht nur dann Spaß, wenn man sich selbst als konzepttragende Person versteht. Wenn jemand beispielsweise mit Sozialen Medien fremdelt, wird diese Person wohl kaum authentisch die entsprechende Software einsetzen wollen. Software ist hier nur ein Hilfsmittel und kein Ersatz für Konzepte.

Paula Manthey: Vielen Dank für die Erläuterung. In der Zukunft werden im Ehrenamt Organisationsstrukturen eine wichtige Rolle spielen und weiter ausgebaut werden. Wie sieht das Freiwilligenmanagement im Jahre 2030 aus? Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Dr. Günther Lachnit: Digitalisierung wird unsere Gesellschaft in den kommenden 10 Jahren erheblich und nachhaltig verändern. Unser Begriff von „Arbeit“ wird ein anderer werden. Schon heute ist „Arbeit“ nicht nur Erwerbsarbeit „Zeit gegen Geld“, sondern auch „Zeit für eine gute, demokratische Gesellschaft“. Dieser Trend wird sich durch Digitalisierung verstärken. Das ist übrigens eine Tendenz, die schon mindestens seit der Industriellen Revolution nachweisbar ist, die aber in der digitalen Gesellschaft extrem beschleunigt werden wird.  Wenn Arbeit durch Maschinen und Software erledigt wird, bleibt mehr Freiraum für Engagement und Beteiligung. Klingt ganz schön optimistisch? Kommt aber drauf an, wofür sich die Menschen engagieren! Auch extremistische Aktivitäten sind ehrenamtlich organisiert. Da müssen wir uns nichts vormachen – Engagement ist nicht von den „Guten“ gepachtet!

Umso wichtiger ist es, dass eine selbstbewusste Bürgerschaft attraktive Konzepte für das Engagement entwickelt und diese auch „unter die Leute“ bringt. Auch- und gerade digital! Dazu braucht es Softwareentwickler, die sich der „demokratischen Sache“ verschreiben, die im besten Sinne Sozialinformatik betreiben. Also bitte keine Software, die aus eigenen Motiven heraus die Welt verändert, sondern Software, die sich für eine bunte und offene Gesellschaft nützlich macht und Anteil an den entsprechenden gesellschaftlichen Konzepten nimmt. In 10 Jahren wird jede Organisation, die etwas auf sich hält, über ein eigenes Freiwilligenmanagement verfügen, und insgesamt wird das Ringen um Partizipation deutlich politischer werden. Mitbestimmung gibt es nicht zum Nulltarif! Schon gar nicht in einer Gesellschaft, die potenziell von Spaltung und Separation geprägt ist.

Es wird also mehr lokale und kleinräumige Agenturen geben, die systematisch vor Ort Projekte zur Mitgestaltung kreieren. Gleichzeitig werden aber auch internationale Freiwilligenagenturen entstehen, zum Beispiel als europäische Projekte. Und mit den digitalen Möglichkeiten steht in Zukunft auch die Gründung rein virtueller Freiwilligenagenturen auf der Agenda. Ganz praktisch bedeutet dies natürlich auch, dass das Freiwilligenmanagement der nächsten 10 Jahre digitaler wird. Es gibt ja leider keine naturgewachsene Liebe zum Beispiel zwischen den Fächern der Sozialen Arbeit und der Informatik. Da müssen wir etwas tun! Der Liebe auf die Sprünge helfen.

Paula Manthey: Engagement wird also zukünftig vielseitiger und digitaler. Bei dem Anstieg des Interesses am ehrenamtlichen Engagement müssen die Bedürfnisse aller Beteiligten erkannt und gewahrt werden. Wie stehen Sie zum „digitalen Matching”? Wo sind die Grenzen und was sollte besser analog bleiben?

Dr. Günther Lachnit: Meine Frau hat mich hinsichtlich des „Digitalen Matching“ desillusioniert: „Wenn ich mir nach digitalen Kriterien einen Mann zusammengeklickt hätte, wärst bestimmt nicht Du herausgekommen!“ Matching wird überschätzt! Manchmal ist es ja auch ein Zufall, wo- und wie man sich engagiert. Und das ist gut so! Aus Versehen macht es plötzlich Spaß, mit netten Menschen eine „Saubermach-Aktion“ im Stadtteil durchzuführen, obwohl ich Putzen und Kehren nicht sonderlich mag. Digitales Matching ist grundsätzlich ja auch kein großer Unterschied zur Google-Werbung, die algorithmenbasiert meine Neigungen mit der scheinbar passenden Werbung bedient. Meistens nervt das! Das Analoge ist die Basis allen Engagements. Matching nur ein Hilfsmittel, mit dessen Hilfe man sich anregen lassen kann, welche Engagementmöglichkeiten gegebenenfalls infrage kommen, zum Beispiel in meiner räumlichen Nähe oder zu einem bestimmten Thema, mehr ist es nicht! Selbst eine rein virtuelle Freiwilligenagentur ist am Ende nicht vorstellbar, wenn Sie nicht zu herrlich unberechenbaren, analogen Begegnungen führt.

Paula Manthey: Die analogen Beratungskompetenzen der Freiwilligenagenturen werden also auch weiterhin wichtig sein. Welche Empfehlungen sprechen Sie in dem Zusammenhang für die Digitalisierung in den Freiwilligenagenturen für die Zukunft aus?

Dr. Günther Lachnit: Freiwilligenagenturen werden wichtiger werden. Zur persönlichen Begegnung sowieso, als Interessensvertretung engagierter Menschen, aber auch besonders als Knotenpunkte, zur Entwicklung neuer Engagementformate auf allen Ebenen, digital und analog. Es wäre ein kapitaler Fehler, nur auf die digitale Selbstorganisation der Zivilgesellschaft zu bauen. Eine demokratische Gesellschaft braucht eine verlässliche Struktur. Und ein Element dieser Struktur sind Freiwilligenagenturen, gerade in Zeiten disruptiver Veränderungen durch Digitalisierung.

Paula Manthey: Es scheint wichtig, die Beteiligung der Zivilgesellschaft durch Strukturen und Beratungsangebote zu unterstützen. Welche Unterstützung bietet das Unternehmen freinet-Online über die Software hinaus an und warum?

Dr. Günther Lachnit: Wir verstehen uns als Kooperationspartner im technischen- und im inhaltlichen Sinne. Wir beraten über den rein digitalen Aspekt hinaus und wünschen uns einen offenen Dialog bezüglich der zukünftigen Entwicklung einer engagierten Gesellschaft.

Paula Manthey: Vielen Dank für das Interview, Herr Lachnit. Wir werden die Entwicklungen des digitalen Freiwilligenmanagements verfolgen und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg!


Im September 2019 war Herr Dr. Lachnit als Referent zu der Dialogveranstaltung Ehrenamtsmanagement in der Praxis des Forum Seniorenarbeit NRW eingeladen.

Rückblick zur Dialogveranstaltung „Ehrenamtsmanagement in der Praxis“

Weitere Informationen auf der Webseite von freinet-online

(Foto und Logo: Günther Lachnit)

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