Erfolgsfaktoren einer neuen Kooperations- und Vernetzungskultur der Akteurinnen und Akteure in Schwerte

Wie stärken wir Bürgerinnen und Bürger, die sich selbstorganisierend engagieren und gestaltend wirken wollen?

Schwertes Einwohnerzahl liegt aktuell bei 47.667. Alle Prognosen weisen darauf hin, dass im Laufe des demographischen Wandels ein deutlicher Bevölkerungsrückgang, einhergehend mit einer stark anwachsenden Gruppe älterer Bürgerinnen und Bürger, zu verzeichnen sein wird. Dieser Wandel braucht eine gesellschaftliche Solidarität, um mit einer prognostizierten Altersarmut und einer steigenden Zahl chronisch-und demenzerkrankter älterer Menschen umzugehen.

Um diesen Wandel in der Bevölkerungsstruktur zu begleiten, haben wir einen Handlungsschwerpunkt auf die Förderung selbstorganisierten Netzwerk- und Freiwilligenarbeit gelegt. Es bestehen Kooperationen mit Institutionen, Gruppierungen, Vereinen und Verbänden. Dies auch, um Synergien zu erzielen und die bestehenden, begrenzten städtischen personellen und finanziellen Ressourcen optimal einzusetzen und die Möglichkeiten des Bürgerengagements zur Gestaltung des Gemeinwohls zu nutzen. Die Funktion der Stadt liegt hierbei in der Moderation, der aktiven Vernetzung und Kooperation und in Angeboten zur Qualifizierung von Freiwilligen.

Seit 2009 gibt es die Qualifizierung von interessierten Bürgerinnen und Bürgern zu Seniortrainern im Rahmen des Erfahrungswissens für Initiativen (EFI). Seit 2010 wurden zwei soziale Netzwerke von Menschen zwischen Arbeit und Ruhestand gegründet. Weitere Netzwerkgründungen im Sozialraum sind geplant. Seit 2011 finden regelmäßig Vernetzungskonferenzen der bürgerschaftlich Engagierten aus der Stadt Schwerte statt. Seit 2014 bietet die Stadt Schwerte in Kooperation ein nachfrageorientiertes Qualifizierungsprogramm für bürgerschaftlich Engagierte im Rahmen der Freiwilligenakademie an. Darüber hinaus finden regelmäßige Veranstaltungsformate zum Austausch und zur gemeinsamen Projektplanung und zur Stärkung der Beteiligung und Vernetzung von engagierter Bürgerschaft und Akteure sowie Politik und Verwaltung statt.

Anhand von Praxisbeispielen haben wir einen konkreten Einblick in Möglichkeiten einer neuen Kooperations- und Vernetzungskultur aufgezeigt: ein partizipativ gestaltetes gemeinsames Vorgehen mit allen Akteurinnen und Akteuren und Bürgerschaft – entlang dem Slogan „wir bewegen und wirken gemeinsam“.

Zentrale Herausforderungen der dialogorientierten Bürgerbeteiligungsprozesse sind die Wahrung von Ergebnisoffenheit sowie die partizipative Entwicklung und Abstimmung von förderlichen Voraussetzungen/ Rahmenbedingungen als Ausdruck einer neuen Kooperations- und Vernetzungskultur. Anhand von konkreten Beispielen haben wir die „Erfolgsfaktoren“, unser Vorgehen im Prozess sowie Hürden verdeutlichen, die uns in einer Kommune mit handelnden Akteurinnen und Akteuren und in der Akquise von Bürgerschaft begegneten.

Von der Konkurrenz und der Sicherung des „Kuchenstücks der Finanzen“ hin zu Zugewinn durch mehr Kooperation – Was ist das Neue in unserer Kooperations- und Vernetzungskultur?

Im Workshop wurden die beteiligten Akteure Jochen Born, Leiter der VHS Schwerte; Andrea Schmeißer, Leiterin des Grete-Meißner-Zentrums der Diakonie Schwerte; Brigitte Fritz, stellvertretend für die engagierte Bürgerschaft; Anke Skupin, Demographiebeauftragte der Stadt Schwerte und Christine Sendes aus der ZWAR Zentralstelle nach dem „Neuen“, dem „Mehrwert“ und nach der merkbaren Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements in Schwerte befragt. Hier einige Antworten:

  • Eine Vernetzung von kommunaler Verwaltung, Wohlfahrtsverband, engagierten Bürger/-innen, VHS und ZZ NRW bereits im Organisationsteam der Vernetzungskonferenz,
  • Im Kleinen wie im Großen: das Organisationsteam als Modell auch für andere Bürger/-innenbeteiligungs- und Gestaltungsprozesse,
  • Die Beteiligten bewegen sich auf der mittleren Führungs- bzw. Organisationsebene und verfügen über das nötige Handwerkszeug (erwachsenenpädagogische und kommunikative Kompetenzen) und sind ausgestattet mit dem Wohlwollen der „Oberen“ (von Gewährenlassen über Zustimmung bis klarer Wille der obersten Führungsebene). Es muss mindestens ein Gewährenlassen durch die Leitungsebene geben. Optimal ist die Situation, wenn Leitung sich an die Spitze des Prozesses setzt.
    Anke Skupin:“ Ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir nicht aus dem Verwaltungsbereich kommen, sondern eher Quereinsteiger/-innen sind. Die Haltung „auf Augenhöhe“ heißt auch, nicht in Hierarchien und Zuständigkeiten zu denken und zu handeln, was innerhalb der Verwaltung in der Regel nicht gegeben ist.“
  • Vereinbarte Ziele und Inhalte sind Resultate der Kooperation, das meint Begegnung auf Augenhöhe.
  • Daraus haben wir eine flexible und autonome Struktur entwickelt, die Offenheit im Prozess ermöglicht. Ihre Kennzeichen: Das Bestimmen gemeinsamer Interessen, Offenheit als persönliche Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit; die Bereitschaft, weiterzugehen, auch wenn`s schwierig wird; sich auf unbekanntes Terrain einlassen zu können und das prozesshafte, nicht inhaltlich steuerbare Vorgehen als Qualitätsmerkmal anzusehen.
  • Es benötigt zunächst keinen finanziellen Mehraufwand außer der personellen Ressource.

Was ist für uns der Mehrwert?

  • Das Thema (Vernetzung und Förderung des Bürgerengagements und der Bürgerbeteiligung/ Bürgermitgestaltung) hätte ich so alleine als Stadtverwaltung, Demographiebeauftragte, nicht umsetzen können; Gewinn der Kooperation
  • Ich, VHS als Bildungsträger, verlasse meine Strukturen und begegne Bürgerschaft auf Augenhöhe. Ich bin anders gefragt, kriege Unterstützung, die wollen was! Die VHS ist eine Bildungseinrichtung, die Angebote macht und jetzt kommen die Bürger und teilen mit, was sie wünschen, was sie benötigen.
  • Wir unterstützen engagierte Bürgerschaft mit nachfrageorientierten Qualifizierungen: damit begegnen wir selbstbewussten, kritischen und (selbst-) reflexiven Bürger/-innen. Wir ernten, was wir säen!
  • Es entsteht für uns ein neues Lernfeld.
  • Die Auseinandersetzung bereichert, lässt mich stutzen, andere und neue Sichtweisen erfahren, blinde Flecken erhellen, unterschiedliche Blickwinkel kennenlernen.
  • Das sozial-emotionale Klima des Miteinanders tritt in den Vordergrund und „Zuständigkeit“ mehr in den Hintergrund.
  • Herzensanliegen der Engagierten berühren, geben einem etwas, die Arbeit ist sinnvoll, macht Freude.
  • Wir erleben im Prozess ein Auflösen der institutionellen Grenzen und ein „mehr“ an gewollter Zusammenarbeit.
  • Die Öffnung von institutionellem Denken geht zurück in die Einrichtung/ Institution und führt dort ebenfalls zu Auseinandersetzungen.
  • Unser „Tun“ in Schwerte wirkt auch auf andere Institutionen

Was tun wir, um Bürgerschaft im Engagement zu stärken?

  • Wir ermöglichen Entfaltung, z.B. im „key-work Atelier“, einem Gestaltungsraum zwischen und in der Verbindung von Kunst, Kultur und Sozialem.
  • Wir bieten einen Rahmen für Begegnung, Austausch und Kooperation.
  • Wir ermöglichen einen Rahmen zur Umsetzung von Ideen als Initiative Gleichgesinnter.
  • Wir gehen als hauptamtlich Verantwortliche/ Zuständige bewusst in eine andere Rolle und wählen dafür die Form des prozesshaften dialogisch- partizipativen Vorgehens.
  • Wir machen uns bekannt und machen andere bekannt. Der Effekt: mehr Transparenz der Informationen, Personen, Ressourcen, Möglichkeiten, Grenzen, Interessen, Kooperationen.
  • Wir laden ein zu einer sozio-emotionalen Begegnung: gleiche Wellenlänge, Sympathie, Herzensanliegen, Spaß, Lustvolles, Begegnung, aber auch Enttäuschung, Kritik, Wertschätzung.
  • Wir fördern und stärken Teamentwicklungsprozesse z.B. durch Qualifizierungen im Rahmen der Freiwilligenakademie, Konfliktklärungsgespräche; Umgang mit „schwierigen“, eher „anstrengenden“ Menschen; mit Konkurrenz.
  • Wir erleben als „zuständige“ Berufsakteure, wie Verwaltung und Wohlfahrtsverband die Gestaltungsmacht aufgeben zugunsten der Einladung und Offenheit zur gemeinsamen Gestaltung von gesellschaftlicher und persönlicher Veränderung.

Fragen der Teilnehmenden aus dem Workshop:

  • Wie haben wir angefangen? Was ist die Vernetzungskonferenz?
  • Wir haben den Auftrag der kirchlichen gemeinwesenorientierten Arbeit mit Älteren: Wie geht der Weg ins Gemeinwesen?
  • Schwule und Lesben treten seltener in die Öffentlichkeit. Wie kann das Thema des Älterwerdens von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Eingang finden in die Diskussion?
  • Das Wissen über Verwaltungsstrukturen fehlt oft bei den Initiativen. Wie kann eine Zusammenarbeit gelingen?
  • Beteiligung und Mitgestaltung durch Bürgerschaft im Engagement hat viel mit dem Grad der Identifikation und dem „Sich im eigenen Handeln wieder erkennen“ zu tun und dem Erleben, dass das eigene Handeln wirksam ist. Welche Wege waren dabei hilfreich und förderlich?

In der Diskussion mit den Teilnehmenden des Workshops wurden folgende Punkte als wesentlich herausgestellt:

Die Machbarkeit und der Erfolg der Vernetzungskonferenz der bürgerschaftlich Engagierten sind gewährleistet durch eine trägerübergreifende Vernetzung und Kooperation. Der Stadt kommt hierbei die unerlässliche Aufgabe der Koordination und Prozessbegleitung zu.

Der Verbesserung der Vernetzung/Kooperation im Gemeinwesen und der damit einhergehenden Transparenz und Durchlässigkeit dient die Aufgabenteilung, die persönliche Kontaktpflege, die Schwerpunktsetzung, sowie Sichtbarmachung des Profits der beteiligten Partner/-innen. Zur Förderung des Engagements trägt wesentlich eine Haltung, die gekennzeichnet ist durch Interesse und Neugierde aneinander, Begegnung auf „Augenhöhe“ sowie eine grundsätzlich fragende Haltung: „Was wollen Sie? Was ist Ihnen wichtig? Bedeutsam? Was wollen Sie zur Umsetzung beitragen? Wer sollte darüber hinaus angesprochen/ beteiligt werden? …“ .

Unterstützung der Engagierten und der Akteure bietet die Zusammenstellung eines Angebotes von gewünschten Qualifizierungsmaßnahmen, z.B. zur Moderation und Prozessbegleitung, der Bewältigung von Konflikten in Gruppen, der gelingenden Kommunikation, und weiteren Themen, die neben der „Professionalisierung“ im Engagement auch der Persönlichkeitsentwicklung dienen.

Mitwirkende im Workshop:

Anke Skupin, Demographiebeauftragte Stadt Schwerte, anke.skupin@stadt-schwerte.de, Tel. 02304-104-608, Rathausstr. 1, 58239 Schwerte

Andrea Schmeißer, Leiterin des Grete-Meißner-Zentrum, Diakonie Schwerte, schmeisser@diakonie-schwerte.de, Tel. 02304 93938-0, Schützenstr. 10, 58239 Schwerte

Brigitte Fritz, seniortrainerin / EFI Schwerte, BrigitteFritz@gmx.de, Tel. 02304/940017, Grünstr. 78 a, 58239 Schwerte

Jochen Born, VHS Schwerte, jochen.born@kuwebe.de, Tel. 02304-104850, Am Markt 11, 58239 Schwerte

Christine Sendes, ZWAR Zentralstelle NRW Dortmund, chr.sendes@zwar.org, Tel. 0231-961317-20, Steinhammerstr.3, 44379 Dortmund

Moderation: Anne Remme, ZWAR Zentralstelle NRW Dortmund, an.remme@zwar.org, 0231/961317-22, Steinhammerstr.3, 44379 Dortmund

Zur Autorin: Diplom Pädagogin Christine Sendes ist seit 1984 wissenschaftliche Mitarbeiterin der ZWAR Zentralstelle NRW. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist die Beratung von Kommunen in NRW. Sie ist Moderationstrainerin und Coach. Sie leitet mit ihrer Kollegin Anne Remme die Weiterbildung „Prozessbegleitung als flexible Form des Coachings“ (DGfC zertifiziert).


Dieser Beitrag ist Teil der Serie:
Dokumentation 3. Herbstakademie 2014

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