FIT sein im Alter – Teil 3/3

Was kann der/ die Einzelne konkret tun,

um sich vorbeugend fit zu halten oder, etwa nach einer Erkrankung oder nach einem Sturz, wieder fit zu werden? Grundsätzlich zählt jeder Schritt: Treppensteigen, Fahrradfahren oder Gerätetraining – wichtig ist es, ein Körpergefühl zu entwickeln und auszuloten, wo die eigenen Grenzen und Möglichkeiten liegen. Dabei geht es nicht um absolute Leistung – der 100-jährige Marathonläufer ist die biologische Ausnahme. Eine ausreichende Belastung ist dann erreicht, wenn der/die Aktive anfängt warm zu werden, zu schwitzen und eine deutliche Herzbeschleunigung spürt. Das ist sehr individuell.

Foto oben: Andrea Bowinkelmann, LSB NRW.

Besser mit Anleitung trainieren

Damit der Spaß an der Bewegung erhalten bleibt und nicht gleich nach dem ersten Training Knie und Rücken schmerzen, sollten sich gerade ältere Einsteiger/innen ärztlich beraten und praktisch anleiten lassen – idealerweise von ihrem Arzt, ihrer Ärztin oder Sportmediziner/-in und von speziell geschulten Übungsleiter/-innen im Sportverein. Die Angebote sind vielfältig, vom Rückenkurs über gesundheitsorientierte Programme bis hin zu den unzähligen Breitensportgruppen und auch dem Training im vereinseigenen Fitness-Studio. Es gibt vielfältige Möglichkeiten und Formate, das Training dauerhaft in den Alltag zu integrieren.

Judo im hohen Alter

Ein lautes “Klatsch” hallt durch die große Halle, da liegt der 76-Jährige Norbert Spöth schon mit dem Rücken auf der Matte. Es ist wieder Sonntagvormittag und Georg Johannes Reinartz (84), kurz “Schorsch” genannt, erläutert den Rund 20 Judokas der Trainingsgruppe die nächsten Übungen zur Wurf- und Haltetechnik.

„Der Mann ist eine Ausnahmeerscheinung! Den kriegt hier beim Sonntagstraining keiner auf den Rücken gedreht – einfach unverwüstlich“, so beschreibt  der  ehemalige  Skilehrer  Spöth  seinen langjährigen Freund Reinartz. Seit rund 30 Jahren koordinieren und leiten die erfahrenen Judo-Veteranen des Budo Clubs Köln 1956/74 die jeweils zweistündige Trainingseinheit im Bundesleistungszentrum (BLZ) Köln. Dieses offene Angebot wird zur individuellen Vorbereitung aller Altersklassen auf die Kyu- und Dan-Prüfungen, das Kata-Training sowie zum Einüben von speziellen Kampftechniken genutzt.

„Hier kann ich mein Wissen – was ich in 50 Jahren angesammelt habe – an die Judokas aller Altersklassen weitergeben. Außerdem hält mich das Training fit, ich werde gefordert, bleibe gesund und das kann ich alles auch für mein tägliches Leben gebrauchen“, erläutert Reinartz, der 1955 seine berufliche Laufbahn bei den Ford-Werken in Köln begann. Die Judokas respektieren den starken Kämpfer, der in den vergangenen Jahren noch sehr erfolgreich an zwei Europa- und Weltmeisterschaften der Veteranen teilgenommen hat. Vor rund vier Jahren wurde dem lebenslustigen Sportler der seltene sechste Dan offiziell verliehen.

RÜSTIGE RENTNER

Judo im hohen AlterDas Training macht mir viel Spaß und ich schätze die professionellen Ratschläge und  die Unterstützung der Älteren sehr“, so die Chilenin Paulina Flores González (30), die gerne zum Training auf den hochwertigen Matten im BLZ kommt.

An der Umsetzung des Programms „Bewegt ÄLTER werden in NRW!“ des Landessportbundes NRW beteiligen sich inzwischen alle 54 Stadt- und Kreissportbünde, 31 Fachverbände und weit über 1.000 Sportvereine. Seit 2013 engagiert sich der Nordrhein-Westfälische Judo-Verband (NWJV) mit dem Aktionsprogramm „Bewegt ÄLTER werden mit JUDO!“ und bietet darüber hinaus zusammen mit dem Deutschen Judo-Bund (DJB) eine gleichnamige Trainer-B Ausbildung an.

 „Judo ist vor allem ein Erziehungssystem und erst in zweiter Linie eine Sportart. Wissen, Können und Haltung zur Lebensbewältigung an Kinder und Jugendliche weiter zu geben, ist eigentlich ein Kernpunkt des Judo überhaupt – was Besseres kann ich mir nicht vorstellen“, erklärt Spöth (4. Dan). Unter der Woche leitet der ehemalige Lehrer noch zwei Judo-AGs in Schulen: „Die Leute prüfen ist eine mühselige Angelegenheit, wenn ich an meine Grundschüler denke. Aber selbst am Gymnasium ist es eine Herausforderung.“ Wenn die Schüler am Ende allerdings ihre Leistung bringen und die Prüfung erfolgreich ablegen, ist auch Spöth unverändert stolz. Die beiden sportlichen Familien- und Großväter sind ein eingespieltes Duo, das Woche für Woche mit viel Leidenschaft und Herzblut im Einsatz ist. Sie sind fit und strahlen Lebensfreude aus. Sicherlich sind auch die zusätzlichenm Trainingseinheiten beim Schwimmen oder Mountainbiken dafür verantwortlich. Aber auch  soziale Kontakte, die durch den Sport entstanden sind und teilweise seit mehreren   Jahrzenten   bestehen, sind für die rüstigen Rentner sehr bedeutsam. „Wir erleben hier eine wunderbare Kameradschaft. Wir sind wie eine große Familie, hier helfen wir uns gegenseitig und unterstützen uns auch außerhalb der Judohalle.“

Text: Ramona Clemens
Foto: Andrea Bowinkelmann
Wir im Sport“, Ausgabe 07/2015

Die meisten Älteren bewegen sich (viel) zu wenig

Diese beeindruckenden Fakten führen nicht an der Erkenntnis vorbei, dass sich nach Einschätzung von Experten die Menschen in den meisten Industrienationen viel zu wenig bewegen. Fragt man sie nach ihrer Einstellung zum Sport, erhält man überwiegend positive Rückmeldungen. Ganz einfach ausgedrückt: Sport finden die meisten gut, dennoch sind nur die wenigsten aktiv. Das Gros lässt gar das Mindestmaß an körperlicher Aktivität vermissen und glaubt, durch den Einsatz von Mobilitätshilfen (Auto, Fahrstuhl, Rolltreppe) sich das Leben im Alltag zu erleichtern. Der Großteil der Bevölkerung trägt durch diese selbstgemachte Sport- und Bewegungsabstinenz langfristig zum eigenen gesundheitlichen Risiko bei. Diese generellen Aussagen zum Bewegungsverhalten der Bevölkerung treffen in besonderer Weise auf die Zielgruppe der Älteren zu. Übrigens: Beim Alter eines Menschen wird zwischen dem kalendarischen, biologischen, psychologischen und sozialen Alter unterschieden. Das bedeutet, dass das biologische Alter durch regelmäßiges Training durchaus unter dem kalendarischen Alter liegen kann. „20 Jahre lang 40 bleiben“ lautete dementsprechend die Botschaft, die der Sportmediziner Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wildor Hollmann, Emeritus und Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln, schon in den 80iger Jahren postulierte.

Körperliche Leistungseinbußen, die nicht erkrankungsbedingt zu erklären sind, haben nach Erkenntnissen der Sportwissenschaft weniger mit den natürlichen Alterungsprozessen zu tun, sondern sind vielmehr durch die  Inaktivität zu erklären, die insgesamt viel größere Folgen für die Fitness haben. D.h. auch fehlende Übung unserer natürlichen Fähigkeiten, wie z. B. Balancieren, Laufen, Heben, Drehen etc. (Geschicklichkeit, Beweglichkeit, Koordination…) tragen in einem hohen Maß zur Entwicklung von Einschränkungen bei. Dies kann jede/r Einzelne leicht ändern, zu jeder Zeit.

AlltagsTrainingsProgramm (ATP) für Menschen ab 60 Jahre

Wenn die Einkaufstasche zum Trainingsgerät wird

Neu, wirkungsvoll und lebensnah: Das AlltagsTrainingsProgramm (ATP) will ältere Menschen ab 60 Jahren zu mehr Bewegung anregen. Im ATP werden typische Alltagssituationen und Alltagstätigkeiten (z. B.

Treppensteigen, Tragen, Heben, Aufstehen, Liegen etc.) bewusst gemacht und es wird den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gezeigt,  wie sie ihren Alltag mit mehr Bewegung füllen können, Das ATP wird als standardisierter Kurs mit 12 Stunden in Sportvereinen angeboten. Ziel des ATP ist es, den individuellen Alltag drinnen und draußen als Trainingsmöglichkeit zu verstehen und dadurch mehr Bewegung in das tägliche Leben einzubauen, sei es durch Arm-Übungen mit Einkaufstaschen und anderen Alltagsgegenständen oder durch Muskel- und Gelenktraining bei der Gartenarbeit, beim Warten an der Bushaltestelle oder beim Stopp an der Parkbank.

Zielgruppe des ATP sind Männer und Frauen ab 60 Jahren, die in den letzten Jahren körperlich eher inaktiv waren, sprichwörtlich „aus der Übung gekommen“ sind und daran etwas ändern möchten.

Das ATP wurde im Rahmen des Programms „Älter werden in Balance“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) auf der Grundlage aktueller sportwissenschaftlicher Erkenntnisse entwickelt und evaluiert. Kooperations- und Entwicklungspartner sind der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der Deutsche Turner-Bund (DTB), der Landessportbund Nordrhein-Westfalen (LSB NRW) und die Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS). Gefördert wird es durch den Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV). Seit Anfang 2017 wurde es bundesweit in das Angebot der Sportvereine aufgenommen.

Weitere Informationen beim Landessportbund NRW unter

www.vibss.de/service-projekte/sport-und gesundheit/alltagstrainingsprogramm/

Suchen, anfangen und ausprobieren

Jede und jeder kann frei aus dem Angebot der großen Spiel-, Sport- und Bewegungsvielfalt wählen, ganz im Sinne der eigenen Ziele, Vorlieben, Interessen, Fähigkeiten und Erwartungen!

Informationen zu ortsnahen Sport- und Bewegungsangeboten, von Lauftreffs über Schwimmen bis hin zum Wandern, von Gymnastik bis Tanzen oder Rollator-Walking bis Sport für Menschen mit Demenz, gibt es über die regionalen Kreis- und Stadtsportbünde bzw. Stadt- und Gemeindesportverbände, ortsansässige Sportvereine sowie überregional über den Landessportbund Nordrhein-Westfalen e.V. (www.lsb.nrw).

Der innere Schweinehund - Laufschuhe - LSBDamit sind alle notwendigen Voraussetzungen gegeben, um den ersten Schritt zu tun und in der Vielfalt der Sportlandschaft ein passendes Bewegungs- oder Sportangebot zu finden. Wie  so oft im Leben muss allerdings der innere Schweinehund  überwunden werden – und der erste Schritt ist oft der schwerste. Daher wirbt der Landessportbund auch mit seinem beliebten Maskottchen, dem sympathischen „Schweinehund“ für mehr Bewegung in jedem Alter. Es ist kein Geheimnis: Wer einmal angefangen hat, möchte die Bewegung nicht mehr missen!

Autorinnen:

Gudrun Neumann, Referentin im Programm „Bewegt ÄLTER werden in NRW!“ des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen

Anke Borhof, Referentin im Programm „Bewegt ÄLTER werden in NRW!“ des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen

Weitere Informationen erhalten Sie im Referat Breitensport/Generationen des Landessportbundes NRW. E-Mail: bewegt-aelter-werden@lsb.nrw

Regelmäßige Informationen zu den Inhalten des Referates Breitensport/Generationen des Landessportbundes NRW erhalten Sie über die Infomail Bewegt ÄLTER werden in NRW!

Anmeldung zur Infomail

Weitere Informationen:

Flyer Bewegende Alteneinrichtungen & Pflegedienste

Flyer AlltagsTrainingsProgramm (ATP)

Flyer Sport und Freie Wohlfahrtspflege

Landessportbund NRW und Landesseniorenvertretung NRW bewegen Senioren im Quartier

Franz Müntefering beim SportRegelmäßige körperliche Aktivität  ist gut für die Gesundheit bis ins hohe Alter, am besten im vertrauten, wohnortnahen Umfeld, dem Quartier.

Der Landessportbund NRW und die Landesseniorenvertretung NRW setzen sich dafür ein, dass kommunale Seniorenvertretungen mit dem organisierten Sport Senioren im Quartier in Bewegung setzen.

Auf Initiative des Kreissportbundes Ennepe-Ruhr  hat die Seniorenvertretung Witten gemeinsam mit der DJK Blau-Weiß Annen und weiteren Partnern den Bau einer frei nutzbaren Boulebahn realisiert. Diese hat sich zum Treffpunkt im Quartier entwickelt.

Beim Seniorensporttag in Radevormwald am 27. August 2017 haben die Seniorenvertretung und der Stadtsportverband Radevormwald zusammen mit dem Kreissportbund Oberberg ein buntes Bewegungs- und Sportangebot für Bürgerinnen und Bürger mit dem Schwerpunkt 55+ auf die Beine gestellt. Mit dabei Franz Müntefering, Botschafter des Landessportbundes NRW.

Wollen auch Sie Bewegungsangebote in Ihrem Quartier für ältere Menschen entstehen lassen? Dann kontaktieren Sie Ihren Stadt- oder Kreissportbund bzw. den Landessportbund NRW oder/und Ihre regionale Seniorenvertretung.

Foto: KSB Oberberg/Kerstin Bastian, Franz Müntefering beim 1. Seniorensporttag in Radevormwald.

 

Kleine Fotostrecke Fit sein im Alter

Fotos: Andrea Bowinkelmann

Zur Nachahmung empfohlen! Enge Zusammenarbeit von  Regiosportbund Aachen mit Quartiersentwicklung Eschweiler-Stadtmitte

Gemeinsam mit den Quartiersentwicklern Peter Toporowski und Cem Gökce hat der Regiosportbund Aachen attraktive Bewegungsangebote für Seniorinnen und Senioren im Quartier Eschweiler-Stadtmitte auf die Beine gestellt.

Im städtischen Quartierszentrum Villa Faensen reicht der Platz kaum aus, wenn der SV Germania Dürwiß am frühen Morgen den Kurs „Sport und Bewegung im Alter“ anbietet. Beim Start am 25. August 2017 waren bereits 39 Teilnehmer/-innen dabei.  

Ebenfalls ein Erfolg: Der Quartiersspaziergang „Bewegte Geschichte“ in Kooperation mit dem Geschichtsverein Eschweiler!  

Weitere Angebote stehen in den Startlöchern.  „Walken & Talken“ und „Gesund & Mobil“ aus dem Modulbaukasten von „Altengerechte Quartiere.NRW“ (www.aq-nrw.de) gehören dazu.

Weitere Informationen zur Quartiersinitiative des Regiosportbund Aachen finden Sie bei demselben.

Dieser Beitrag ist der Teil der Serie "Fit und aktiv im Alter" (September 2017) des Landessportbund NRW. Autorinnen sind Gudrun Neumann und Anke Borhof.

Socialmedia

Daniel Hoffmann

Seit 1995 Mitarbeiter im Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln. Projektleiter des Forum Seniorenarbeit NRW und verantwortlich für den Themenschwerpunkt "Engagement älterer Menschen in der digitalen Gesellschaft".
Socialmedia

Dieser Beitrag ist Teil der Serie:
Fit sein im Alter

Schreibe einen Kommentar