Wie können Informations- und Kommunikationstechnologie Nachbarschaften fördern?

Fragen an Annette Scholl, Netzwerkkoordinatorin Lebendige Nachbarschaften im Projekt Forum Seniorenarbeit NRW, Mitarbeiterin im Kuratorium Deutsche Altershilfe

Forum Seniorenarbeit: Liebe Frau Scholl, ich falle gleich mal mit der Tür ins Haus. Nachbarschaft und Technik, passt das zusammen?

Annette Scholl: Für mich passen die beiden Themen sehr gut zusammen. Sie ergänzen sich auf eine ganz besondere Art und Weise. Durch Technik lässt sich Nachbarschaft beleben, auf eine ganz besonders einfache Art und Weise und ermöglicht eine Transparenz für Wünsche und Angebote in der unmittelbaren Umgebung. Gleichzeitig bekommt Technik durch Nachbarschaft einen Sinn, der für viele – auch nicht Technikaffine – nachvollziehbar ist.

Forum Seniorenarbeit: Nachbarschaft bekommt durch die Technik neue Facetten. Aber wie kommt es, dass Nachbarschaft allgemein wieder in aller Munde ist? Ich habe den Eindruck, dass es ein sehr modernes Thema ist?

Annette Scholl: Ich denke, dass es mit aktuellen Veränderungen zu tun hat. Ich nenne hier nur die Stichworte Globalisierung und Digitalisierung/Internet. Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen und immer komplexer zu werden. Die damit verbundenen Veränderungen sind für jede und jeden spürbar. So ist es nicht verwunderlich, dass der Wunsch nach dem Überschaubaren, dem Begreifbaren umso größer wird. Und das gibt es in der Nachbarschaft, greifbar, spürbar und erlebbar für jedermann und jede Frau.

Forum Seniorenarbeit: Hat die Nachbarschaft für ältere Menschen eine besondere Bedeutung? Nachbarn sind wir doch alle irgendwo?

Annette Scholl:  Klar, Nachbarn sind wir alle. Doch es gibt Menschen, für die hat die Nachbarschaft eine besondere Bedeutung: Das sind Kinder, Familien und ältere/alte Menschen. Bei allen drei Gruppen ist der Bewegungsradius eingeschränkt und der Nahraum bekommt eine besondere Bedeutung. So auch für ältere und alte Menschen, bei denen im Alter die Kreise kleiner werden. Darüber hinaus bietet die Nachbarschaft eine sehr vertraute Umgebung mit vertrauten Personen. Und das bietet Sicherheit und Orientierung, vor allem im Alter.

Forum Seniorenarbeit: Muss man/frau denn diese Nachbarschaften besonders fördern? Ich könnte doch einfach nebenan klingeln?

Annette Scholl: Ja, theoretisch könnte man es so machen. Doch praktisch läuft es anders ab, denn in uns schlummert eine Art Verhaltenskodex, wie wir uns bei Nachbarn gegenüber korrekt zu verhalten haben: freundlich und distanziert. Damit aus Menschen, die in der Nähe voneinander wohnen, auch soziale Nachbarn werden, und sie den Mut haben, einfach nebenan zu klingeln, braucht es Unterstützung oder eine Art „Erlaubnis“, dass „Klingeln“ auch erwünscht ist. Ansonsten haben Menschen den Eindruck, dass sie sich aufdrängen und die innere Distanz-Regel brechen. Denn eins darf man nicht vergessen: Wenn man sich nicht versteht, ist es oft ein Problem, denn man wohnt ja in der Nähe und kann sich nicht mehr aus dem Weg gehen.

Forum Seniorenarbeit: Und nun noch eine Frage zum Schluss. Wie konkret können uns neue Techniken und Apps dabei behilflich sein?

Annette Scholl: Meiner Meinung nach helfen uns die neuen Techniken und auch die Apps sehr gut dabei, Übersichten zu erstellen, was es wo gibt. So kann relativ leicht eine Art Karte entstehen, wo es verschiedene Angebote zum Treffen gibt, eine „nette Toilette“ oder eine Gruppe, mit der ich gemeinsam walken kann. Die neuen Techniken haben den Vorteil, dass Inhalte leicht aktualisiert und erweitert werden können. Dies geht viel unproblematischer, als wenn solche Übersichten gedruckt werden. Und eine App hilft dabei, dass ich es immer schnell auf meinem Handy dabei haben kann.

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Technik dabei hilft, Menschen zu finden, die meine Interessen teilen und/oder mich mit Infos automatisch versorgen. So kann ich relativ unkompliziert Menschen in der Nachbarschaft kennenlernen, die ich ansonsten nur schwer kennengelernt hätte.

Und außerdem werde ich mit Infos versorgt, um die ich mich nicht kümmern muss. In meiner Nachbarschaft gibt es beispielsweise einen Verteiler, in den ich mich über das Netz eingetragen habe. Hier habe ich beispielsweise erfahren, dass es ein Beteiligungsverfahren zur Gestaltung des Deutzer Hafens gibt. Nun hatte ich die Möglichkeit dabei zu sein. Ohne diese Hinweise wäre das nicht möglich gewesen.

Forum Seniorenarbeit: Vielen Dank.

Das Interview führte Daniel Hoffmann.

Foto: free-images.cc

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