Virtuelle Quartiere – Ein neues Engagementfeld für ältere, technikinteressierte Menschen

Ein Interview mit Daniel Hoffmann, Projektleiter des Forum Seniorenarbeit NRW und Initiator des Netzwerks Engagement älterer Menschen in der digitalen Gesellschaft, Mitarbeiter im Kuratorium Deutsche Altershife

Im Frühjahr 2016 startet das Forum Seniorenarbeit im Rahmen des Schwerpunkts „Engagement älterer Menschen in der digitalen Gesellschaft“ eine neue Qualifizierungsreihe zum Aufbau virtueller Quartiersplattformen auf Basis von WordPress. Im Tandem von hauptamtlichen Quartiersentwickler/innen und ehrenamtlichen Redakteur/innen  entwickeln diese auf Basis eines Musterbaukastens ein Informationsportal zur Orientierung, dass anschließend von den Älteren selbst fortgeführt werden soll.

 

Christian Heerdt: Guten Tag Herr Hoffmann, im Vorfeld zu diesem Interview bin ich immer wieder auf den Begriff „digitales Engagement älterer Menschen“ gestoßen, was kann man sich darunter vorstellen?

Daniel Hoffmann: Digitales Engagement beschreibt vom Grundsatz her bürgerschaftliches Engagement unter Zuhilfenahme digitaler Medien oder im Internet. Die Möglichkeiten sind vielfältig. In unserem Projekt sind die Älteren in erster Linie Redakteur/innen und Administrator/innen von Internetprojekten. Meistens ist es ein konkretes Anliegen, dass aus der echten in die virtuelle Welt transportiert wird. Beispielsweise die Begegnungsstätte, die eine Homepage haben möchte, der Seniorenbeirat, der neue Kommunikationswege sucht oder die Gruppe Ehrenamtlicher, die Vernetzungsmöglichkeiten ausprobieren möchte. Die Initiatoren und Verantwortlichen, die die Strukturen aufbauen, pflegen und aufrechterhalten sind diejenigen, die wir ansprechen und unterstützen.

Es sind aber genauso auch diejenigen, die per PC, also digital, die Mitgliederverwaltung in Ihrem Verein organisieren.

Die Betonung des Begriffs der älteren Menschen weist daraufhin, dass wir die besonderen Potentiale der älteren Generationen auch in diesem Engagementfeld fördern möchten.

Christian Heerdt: Man liest/hört immer so viel von einsamen älteren Menschen, sollen diese jetzt auch noch alleine vor dem Bildschirm sitzen?

Daniel Hoffmann: Genau darum geht es indirekt auch. Durch das Internet entstehen neue Wege der Vernetzung und Kommunikation, die nach unserer Vorstellung zu einem besseren Miteinander in der echten Welt führen können. Die Technik soll unser Werkzeug sein, damit mehr, am besten alle Menschen, gleichberechtigt in unseren Gemeinwesen teilhaben können, auch die Älteren.

Jedes Engagement ist aber immer auch ein soziales Event. Was im normalen Ehrenamt gilt, sollte auch im digitalen Engagement Anwendung finden. Eines der Hauptmotive ist der Wunsch nach sozialen Kontakten, der persönlichen Weiterentwicklung und dem Einbringen vorhandener Kompetenzen.

Christian Heerdt: Das hört sich sehr ambitioniert an. Wie soll das konkret aussehen?

Daniel Hoffmann: An vielen Stellen wird über digitale Gesellschaft und Teilhabe geredet. Wir sind aber nur ein kleiner Baustein in einer Reihe von Maßnahmen, die notwendig wären, um diese Ziele zu erreichen. Mit unseren Angeboten richten wir uns an diejenigen Älteren, die bereits Technik-erfahren sind und ermöglichen Ihnen eigene Angebote im virtuellen Raum zu eröffnen. In einem breiten Netzwerk kollegialer Beratung bieten wir Ihnen eine Infrastruktur, in der sie dauerhaft bei technischen Fragen begleitet werden. Diese Menschen werden dann vor Ort zu Botschaftern Ihrer eigenen Anliegen und begeistern wiederum andere, mitzumachen.

Dass es funktioniert, kann man auf unserer Website www.unser-quartier.de an zahlreichen Projektbeispielen sehen.

Christian Heerdt: Gibt es denn eine ausreichende Anzahl an Menschen, die interessiert sind an den Angeboten?

Daniel Hoffmann: Ja, die gibt es. In unseren Workshops und Netzwerktreffen kann man es ablesen. Es ist aber immer ein Balanceakt, nur so viel Werbung zu machen, dass man keine allzu große Menge an Menschen enttäuscht. Dazu kommt, dass die Strukturen vor Ort und diese neuen Engagierten nicht zueinander passen.

Wir bieten beispielsweise relativ einzigartige Workshops an und die Engagierten möchten mitmachen. Dann kommen sofort die Bedenkenträger in den Kommunen und Organisationen und malen die Gespenster der juristischen Fallstricke und des Presserechts an die Wand. „Was machen wir denn, wenn diese Menschen nun auch noch anfangen selbst zu denken?“ Aus Angst vor Status- und Kontrollverlusten, Unwissen- und eigener Unsicherheit werden die Leute nicht gefördert, sondern mit Bedenken demotiviert.

Christian Heerdt: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Daniel Hoffmann: Aber gerne, beispielsweise blockieren Organisationen das Engagement mit dem Hinweis auf die Verantwortung im Sinne des Presserechts. Webseiten und Seniorenportale können  nicht von Senior/innen betrieben werden, diese sollen das als Privatpersonen verantworten. Dahinter steht sehr oft leider einfach die Angst, diese Gruppen nicht kontrollieren zu können oder das Thema wird als Spielerei abgetan.

Christian Heerdt: Das hört sich ein bisschen frustriert an?

Daniel Hoffmann: Wäre es vielleicht, wenn es nicht immer wieder diese leuchtenden Vorbilder auf haupt- und ehrenamtlicher Seite gäbe, die es trotzdem schaffen. Es sind die Engagierten und Mitarbeitenden, die Ideen haben, die Nischen suchen, neue Wege gehen und sich gegenseitig motivieren. Diejenigen, die nicht nachlassen zu bohren, Mut und eine lebendige Vision von Morgen haben. Es sind Beispiele aus Bergheim, Lohmar, Witten, Moers, Ahlen, Emsdetten und anderen Orten. Aber es könnten noch viele mehr sein.

Christian Heerdt: Was müsste sich denn ändern, damit es mehr würden?

Daniel Hoffmann: Zunächst einmal müssten sich in den Verwaltungen und Organisationen die Einstellungen ändern. Wir reden von Ehrenamt auf Augenhöhe, sind aber vielerorts nicht in der Lage, die Engagierten als gleichgestellte Partner/innen unserer sozialen und gesellschaftlichen Anliegen zu akzeptieren. Im Zusammenhang mit dem Thema Internet sind viele der Meinung, die Engagierten wären Erfüllungsgehilfen / Agenturersatz, die mir auf Zuruf meine Wünsche erfüllen und die Öffentlichkeitsarbeit für mich machen. Es müssen aber die Motive und Erwartungen beider Seiten erfüllt werden.

Darüber hinaus müssen wir uns an Menschen gewöhnen, die nicht an Institutionen gebunden sind oder gebunden werden wollen. Diese Leute sind in informellen Gruppen organisiert, aber setzen sich neben ihren eigenen Interessen sehr wohl für das Gemeinwesen ein. Sie bringen teilweise sehr viele Ideen, Energie und Potential mit, aber auch eine eigene Meinung.

Christian Heerdt: Das war ein schöner Übergang zur nächsten Frage. Mit dem neuen Angebot „Virtuelle Quartiere“ möchten Sie was erreichen?

Daniel Hoffmann: Dazu könnte nun ein Roman folgen. Wir möchten damit auf verschiedenen Ebenen agieren:

  1. Wir eröffnen neue Engagementfelder für ältere technikinteressierte Menschen, die sich für ihr Gemeinwesen/Quartier einsetzen möchten.
  2. Wir berücksichtigen in besonderer Weise die Interessen der älteren Menschen und deren Perspektive und tragen damit auch zu einem Wandel der Altersbilder bei.
  3. Durch die Abbildung realer Quartiere im virtuellen Raum stellen wir Transparenz her und ermöglichen damit neue Zugangswege zu Angeboten und geben Orientierung.
  4. Wir erreichen neue Zielgruppen und ermöglichen intergenerative, zufällige Begegnungen.
  5. Durch die Kombination mit den Quartiersentwickler/innen in NRW erproben wir auch neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen.

Christian Heerdt: Was ist denn daran das Besondere? Wie man eine Website erstellt, kann ich doch auch bei anderen Bildungsträgern lernen?

Daniel Hoffmann: Eine provokante Frage. Wie gerade bereits angedeutet, steht in unserem Vorhaben nicht die Technik im Mittelpunkt, sondern das Engagement, der Nutzen für und die Interessen der älteren Menschen. Wir sind keine Konkurrenz für Software-Firmen oder soziale Netzwerke, sondern wollen denjenigen die Teilhabe an der digitalen Gesellschaft ermöglichen, die sich das ansonsten gar nicht leisten könnten. Es ist ein Baustein, der die Selbstorganisation der älteren Menschen im Quartier unterstützen kann.

Wir haben auf der Basis der Erfahrungen unseres Netzwerks in den letzten vier Jahren einen Werkzeugkasten auf Basis frei zugänglicher Software entwickelt, der in seinen Grundelementen die Abbildung eines Quartiers ermöglicht (Nachrichten, Veranstaltungen, Anbieter in vorstrukturierter Form). Diese Werkzeuge liegen offen, damit andere ihn ggf. nachbauen können.

Durch Redaktionsgruppen aus Ehrenamtlichen in Zusammenarbeit mit den Quartiersentwickler/innen soll ein lebendiges Info-Portal als Anlaufstelle entstehen, das im Idealfall am Ende von den Älteren selbst organisiert wird. Wir gehen dabei auf die besonderen Anforderungen  der älteren Lernenden ein und bieten ihnen einen landesweiten Austausch mit anderen, die am gleichen Thema arbeiten.

Im Idealfall kann dieses Grundgerüst dann durch weitere Werkzeuge von Drittanbietern ergänzt werden, denkbar wäre die Integration von Apps für Spezialaufgaben oder zur Kommunikation.

Christian Heerdt: In Ihrem Blog auf unser-quartier.de stellen Sie auch öfter Software zur Organisation von Tauschbörsen oder von Nachbarschaftsnetzwerken vor, was ist der Unterschied?

Daniel Hoffmann: Das sind wunderbare Ergänzungen und können die Projekte vor Ort nur bereichern. Gerade die Apps sind Spezialanwendungen, die weit über die Funktionalitäten einer Website hinausgehen. Sie sind aber auch nicht für jeden Mann und jede Frau interessant.

Ich sehe eine Herausforderung darin, daraus sinnvolle Anwendungen in den Quartieren und Gemeinschaften vor Ort zu entwickeln. Wir planen noch in der ersten Jahreshälfte 2016 ein Netzwerktreffen, wo wir uns ganz diesem Thema widmen möchten.

Christan Heerdt ist Moderator der Arbeitsgemeinschaft Netzwerk- und Quartiersarbeit in der Koordinierungsstelle der Landesinitiative Demenz-Service Nordrhein-Westfalen und Mitarbeiter im Kuratorium Deutsche Altershilfe.

Foto: istockphoto.com

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