Impulsvortrag 1 – Die Vielfalt des Alter(n)s – zur Bedeutung digitaler Teilhabe

Dokumentation des Fachtags 2023 „Ältere Menschen und Digitalisierung – Potenziale und Teilhabechancen“

Nanke Bechthold & Marco Hövels (Forum Seniorenarbeit NRW) haben die Teilnehmenden im ersten Impulsvortrag inhaltlich auf den Tag eingestimmt. Gemeinsam hoben sie hervor, wie wichtig digitale Teilhabe und die damit verbunden Kompetenzen in einer sich zunehmend digitalisierenden Gesellschaft sind.

Digitale Teilhabe

Die Digitalisierung hat unsere gesamte Gesellschaft verändert. Inzwischen erledigen viele Menschen ihre alltäglichen Aufgaben über digitale Endgeräte, wie das Smartphone oder den Computer. Beispiele sind Einkaufen, einen Zug buchen, eine Straßenkarte lesen, Nachrichten lesen, Wissen austauschen oder auch Forderungen an die Politik stellen. Und besonders wichtig: sie kommunizieren über ihre digitalen Endgeräte miteinander, bauen neue Kontakte auf und pflegen bestehende. Gleichzeitig sind Entwicklungen dahingehend spürbar, dass es immer schwieriger wird, einige der aufgezählten und auch andere alltägliche Aufgaben nicht digital zu erledigen. Menschen, die nicht digital dabei, werden immer häufiger benachteiligt.

Letzten Endes ist die Liste der Dinge, die im Internet bzw. mit digitalen Medien und Technologien erledigt werden können, nahezu unendlich. Entscheidend ist, dass Digitalisierung inzwischen in annähernd allen Lebensbereich stattfindet und Menschen das Recht haben, an allen für sie relevanten Lebensbereichen und Entwicklungen teilzuhaben. Also auch am digitalen Raum! Damit ist das Ziel von digitaler Teilhabe gesellschaftliche Teilhabe.

Die Expertenkommission Forschung und Entwicklung schreibt dazu in ihrem aktuellen Jahresgutachten:

Die voranschreitende Digitalisierung setzt ein Mindestmaß an Digitalkompetenz für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben voraus“
(Expertenkommission Forschung und Entwicklung (EFI), 2023)

Digitale Teilhabe im Alter

Je älter die betrachtete Kohorte ist, desto geringer ist der Anteil der Personen, die regelmäßig das Internet nutzen. Dementsprechend nutzen 94,1% der 60-69-jährigen, 65,5% der Personen ab 70 Jahren (Initiative D21 e.V., 2023) und 37,5% der Personen ab 80 Jahren (Oswald & Wagner, 2023) in Deutschland das Internet. In Abhängigkeit von der Formulierung der Frage und durchgeführten Erhebungsmethode unterscheiden sich die konkreten Zahlen leicht. Der Trend bleibt jedoch gleich.

Wichtig ist: die „digitale Kluft“ besteht nicht nur zwischen „online“ und „offline“ sein. Entscheidend ist die Nutzungsbreite und -tiefe digitaler Techniken, also wie oft und in welchem Ausmaß beispielsweise das Internet genutzt wird. Während eine Person das Internet nur verwendet, um ihre E-Mails abzufragen, nutzt eine andere es in einem weitaus breiteren Rahmen, verwendet beispielsweise Online-Banking oder schaut sich Filme auf Streaming Plattformen an. Beide Personen nutzen so nach Definition das Internet, das Ausmaß Digitaler Teilhabe unterscheidet sich jedoch zwischen beiden Personen wahrscheinlich sehr und damit auch insbesondere, welche Mehrwerte und Vorteile sich daraus für die individuellen Lebenslagen der Nutzer:innen ergeben.

Erledigt sich das Problem von selbst?

Wie Komerath (2021) darstellt verläuft technologisches Wachstum exponentiell. Dies bedeutet, dass technologische Innovationen im Lauf der Zeit immer häufiger, spezifischer und komplexer wurden und höchst wahrscheinlich auch zukünftig werden. Daher ist davon auszugehen, dass es stets notwendig sein wird, neues und teilweise komplexeres Wissen zu erlernen, um von Innovationen zu profitieren.

Die Vielfalt des Alter(n)s

Wenn es um digitale Teilhabe im Alter geht, so ist der Aspekt der Vielfalt nicht zu vernachlässigen. Denn: Jeder Mensch altert anders, ältere Menschen sind eine sehr vielfältige Gruppe und es existieren demnach ganz unterschiedliche Bedarfe im Rahmen digitaler Teilhabe. Mit Blick auf den fortschreitenden demografischen Wandel und das Altern der geburtenstärksten Kohorte – der Babyboomer-Generation – welche zeitnah das Rentenalter erreicht, ist für die nahe Zukunft eine noch größere Diversität in der Gruppe älterer Menschen zu erwarten. Mehrwerte, die sich durch digitale Teilhabe ergeben können, sind ebenfalls als vielfältig und individuell anzusehen.

Die Studie D80+ hat zum Beispiel herausgefunden, dass über 80-Jährige, die gesundheitliche Einschränkungen haben, mehr von der Internetnutzung in Bezug auf ihre Autonomie profitieren als Personen in dieser Altersgruppe, die keine gesundheitlichen Einschränkungen aufweisen (Oswald & Wagner, 2023). Vielfaltsaspekte, die die Personengruppe älterer Menschen prägen, scheinen also auch eine Rolle in Bezug auf bestimmte Mehrwerte digitaler Teilhabe zu spielen.

Mehrwerte der Digitalisierung in zentralen Lebensbereichen

Das Erlernen von digitalen Kompetenzen fällt den meisten Menschen leichter, wenn es in Verbindung mit konkreten Mehrwerten steht. Für das alltägliche Leben spiegeln sich diese in den zentralen Lebensbereichen der jeweiligen Personen(-Gruppen) wider. Zentrale Lebensbereiche in Verbindung mit konkreten Mehrwerten für ältere Menschen wurden im achten Altersbericht der Bundesregierung (2020) identifiziert:

  • Sozialraum
  • Soziale Integration
  • Wohnen
  • Mobilität
  • Gesundheit
  • Pflege

Entscheidend ist an dieser Stelle, dass sich die Mehrwerte in diesen Bereichen in der Regel aus dem Zugang zu Informationen und Dienstleistungen, neuen Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe oder Erleichterungen bzw. Unterstützungen im Alltag ergeben. Dementsprechend werden Mehrwerte und Anwendungen immer spezifischer und digitale Teilhabe geht über die Nutzung des Internets hinaus.

Barrieren für die digitale Teilhabe Älterer

Damit Mehrwerte digitaler Technologien im Alter erfahren werden können, müssen diese auch entsprechend nutzbar gemacht werden. In diesem Sinne ist es notwendig, über mögliche Barrieren aufzuklären, die die Nutzung bzw. den Zugang zu digitalen Techniken speziell im Alter behindern können. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass die genannten Barrieren nicht per se bedeuten, dass keine digitale Teilhabe stattfinden kann, sollten sie auftreten. Im Rahmen des Projekts „Digital mobil im Alter“ (Kubicek & Lippa, 2017) wurden sechs Barrieren digitaler Teilhabe für ältere Menschen identifiziert:

  1. Motivationsbarriere
  2. Finanzielle Barriere
  3. Lernbarriere
  4. Mobilitätsbarriere
  5. Physische Barriere
  6. Nutzungsbarriere

Weitere Erläuterungen zu den genannten Barrieren finden Sie z.B. im Buch „Digitale Teilhabe im Alter“ von Herbert Kubicek (ab Seite 33).

(Digitale) Exklusionsrisiken

Neben den genannten Barrieren digitaler Teilhabe existieren auch allgemein Faktoren, die einzeln oder sich gegenseitig verstärkend das Risiko bergen bzw. erhöhen, dass Personen gesellschaftlich benachteiligt oder ausgegrenzt werden. Diese können sich ebenso auf die digitale Teilhabe auswirken. Zu den (digitalen) Exklusionsrisiken gehören:

  • Niedriger sozioökonomischer Status
  • Leben im ländlichen Raum
  • Migrationshintergrund
  • Gender-Aspekte
  • Multimorbidität
  • (lebensbegleitende) Behinderungen (Ehlers et al., 2020)

Digitale Inklusion

Mit dem Verständnis der digitalen Exklusionsrisiken als Hintergrund ist es nun essenziell, den Fokus auf das Konzept der digitalen Inklusion zu lenken. Die Vereinten Nationen haben den Begriff in diesem Jahr definiert. Somit zielt digitale Inklusion darauf ab, dass ein „Gleichberechtigter, sinnvoller und sicherer Zugang zur Nutzung, Anleitung und Gestaltung digitaler Technologien, Dienste und damit verbundener Möglichkeiten für alle und überall“ [Übers. d. Verf.] (Vereinte Nationen, 2023) entsteht. Digitale Inklusion ist somit ein gesellschaftlicher und politischer Prozess, in welchem die Rahmenbedingungen für digitale Teilhabe für alle geschaffen und ständig ausgebaut werden müssen.

Digitale Inklusion durch Senior:innenarbeit stärken

Hier stellt sich die Frage: Welchen Beitrag kann die Senior:innenarbeit leisten, um den Prozess digitaler Inklusion in der Gesellschaft voran zu bringen? In erster Linie geht es darum, älteren Menschen Zugänge in die digitale Welt zu ermöglichen, indem nachhaltige Kompetenzen gefördert werden. Dies bedeutet mehr zu können als „Installieren und Benutzen“. Nachhaltige Kompetenzen implizieren, dass Menschen in der Lage sind Mehrwerte in der digitalen Welt entsprechend der eigenen Lebenslage zu identifizieren und zu nutzen und darüber hinaus, neue Innovationen mit Blick auf deren Nützlichkeit für die individuelle Situation rational zu bewerten.

Um von digitaler Inklusion zu sprechen ist es entscheidend auch schwer erreichbare Menschen auf dem Weg in die Digitalisierung mitzunehmen. Das heißt auch Offliner:innen zu motivieren, immobile Menschen aufzusuchen, Barrieren gemeinsam zu reduzieren und Bewohner:innen von Einrichtungen flächendeckend in Angebotsstrukturen einzubeziehen. Letztendlich ist es entscheidend, die individuellen Lebenswelten (älterer) Menschen mitzudenken.

Die Rolle des Ehrenamtes

Das Ehrenamt ist eine tragende Säule unserer Zivilgesellschaft und der Senior:innenarbeit. Daher ist ehrenamtliches Engagement fundamental, um die oben genannten Ziele zu erreichen. Schnell stellt sich die Frage: Was kann und will das Ehrenamt an dieser Stelle Leisten? Ehrenamtliches Engagement kann in digitalen Kontexten vorbereitend und unterstützend in der alltäglichen Nutzung wirken und helfen IT-Kompetenzen bei älteren Menschen zu fördern. Das bedeutet, konkrete Hilfestellung bei individuellen Problemen zu stellen, Angebote zur Auseinandersetzung mit Technik in Gruppen durchzuführen und Lern- und Begegnungsräume zu begleiten.

Dabei sollte Ehrenamtlichen stets der Raum gegeben werden, die eigenen Grenzen zu reflektieren und diese auch zu kommunizieren. Ehrenamt sollte Spaß machen und aus einer inneren Überzeugung und Motivation heraus erbracht werden, daher braucht es Hauptamt, das begleitet, unterstützt und koordiniert. Organisationen haben dementsprechend die Aufgabe, Ermöglichungsstrukturen für die ehrenamtlich Engagierten Personen zu schaffen, sodass sich diese entsprechend den eigenen Interessen entfalten und auf Ihr Engagement fokussieren können. Dementsprechend müssen Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel Versicherungsschutz auf Organisations-Ebene geklärt sein, um den Engagierten den Rücken freizuhalten. Ergänzend sind die Engagierten auf eine bedarfsgerechte Begleitung sowie Koordination angewiesen, indem konkrete Ansprechpersonen vorhanden sind und für einen Zusammenhalt im Team gesorgt wird. Entsprechend müssen aber auch die hauptamtlichen Mitarbeitenden unterstützt werden, indem Fort- und Weiterbildungen zur Freiwilligen-Koordination und dem -Management angeboten werden.

Kerngedanken

Abschließend kann festgehalten werden, dass digitale Grundkompetenzen immer wichtiger werden, um am gesellschaftlichen und sozialen Leben teilzuhaben. Gleichzeitig liegt es aber auch in unserer Verantwortung als Gesellschaft, die digitale Welt für alle nutzbar zu machen.

Die haupt- und ehrenamtlich aktiven Personen in der Senior:innenarbeit können hierbei einen wichtigen Beitrag leisten und helfen, indem bedarfsgerechte Angebote entwickelt werden, die sich an den Lebenswelten älterer Menschen orientieren und dadurch Mehrwerte sichtbar und nutzbar machen.

Präsentation

Literatur

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. (2020). Achter-altersbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf. Achter Altersbericht. Ältere Menschen und Digitalisierung. https://www.bmfsfj.de/resource/blob/159916/9f488c2a406ccc42cb1a694944230c96/achter-altersbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf

Ehlers, A., Heß, M., Frewer-Graumann, S., Olbermann, E., & Stiemke, P. (2020). Digitale Teilhabe und (digitale) Exklusion im Alter. Expertise zum Achten Altersbericht der Bundesregierung. Deutsches Zentrum für Altersfragen.

Expertenkommission Forschung und Entwicklung (EFI). (2023). Jahresgutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2023. https://www.e-fi.de/fileadmin/Assets/Gutachten/2023/EFI_Gutachten_2023.pdf

Initiative D21 e.V. (2023). D21-Digital-Index 2022/2023 – Jährliches Lagebild zur Digitalen Gesellschaft. https://initiatived21.de/uploads/03_Studien-Publikationen/D21-Digital-Index/2022-23/d21digitalindex_2022-2023.pdf

Komerath, N. (2021). A Technology Countdown Approach To Historical Timelines.

Kubicek, H., & Lippa, B. (2017). Nutzung und Nutzen des Internets im Alter: Empirische Befunde zur Alterslücke und Empfehlungen für eine responsive Digitalisierungspolitik. VISTAS Verlag.

Oswald, V., & Wagner, M. (2023). Internet usage among the oldest-old: Does functional health moderate the relationship between internet usage and autonomy? European Journal of Ageing, 20(1), 3. https://doi.org/10.1007/s10433-023-00748-z

Vereinte Nationen. (2023). Digital inclusion (Roundtable on digital inclusion). https://www.un.org/techenvoy/sites/www.un.org.techenvoy/files/general/Definition_Digital-Inclusion.pdf


Letzte Aktualisierung: 12. Dezember 2023

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