„Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts“

Workshop 11 der Herbstakademie 2016: „Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts“  

Zu wenig Geld im Alter.  Austausch über ein Tabuthema

Die Sorge, sehr wenig Geld zu haben im Alter, treibt immer mehr Menschen um, auch innerhalb der lesbisch-schwulen Community, die ja oft mit Lifestyle und Wohlstand gleichgesetzt wird. Drohende Altersarmut ist vor allem ein Genderthema, aber nicht nur. Und sie ist eine der wesentlichen Barrieren im Zugang zu Aktivitäten und Angeboten für ein selbstbestimmtes Altern. Deshalb lasst uns alle darüber reden!

Das Thema löst  Ängste aus. Es wird verdrängt, ist schambesetzt, sorgt für Neid, lässt Einsamkeit fürchten und macht wütend (letzteres leider am wenigsten!).  Immer mehr Menschen fragen sich, wie sie ihr Leben führen werden, wenn es finanziell zunehmend enger wird. Die  Ängste werden jedoch kaum geäußert, daher ist es auch schwierig, Perspektivisches zu entwickeln.

Der Workshop bietet die Möglichkeit, sich über Geldknappheit und Armutsbedrohung im Alter auszutauschen. Welche Erfahrungen werden damit gemacht? Welche individuellen Auswirkungen erleben wir? Wie gehen wir damit um? Sind die Modelle des „Teilens und Tauschens“ inzwischen die einzige allseits akzeptierte Antwort auf eine Gesellschaft der sozialen Ungleichheiten?

Impuls:

Nach einer Vorstellungsrunde, in der sowohl der persönliche als auch der berufliche Bezug zum Thema zur Sprache kam, bot ein Fakten-Check den Einstieg ins Thema.

Ausgehend von der These, dass Altersarmut nicht das Resultat von Sachzwängen, sondern im wesentlichen Teil das Ergebnis politischer Weichenstellungen sei, wurden einige Entwicklungen angesprochen, die die Renten- und Armutsdiskussion prägen.

Bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe ist die Armut seit 2005 rasanter angestiegen als bei den Rentnerinnen und Rentnern: Wachsende Ungleichheit in Deutschland, Armutsdebatte zwischen Skandalisierung und Bagatellisierung, Amerikanisierung des Arbeitsmarktes, verfehlte Rentenpolitik, offene und verdeckte Armut, Erwerbstätigkeit im Alter, Feminisierung der Armut und soziale Ausgrenzung im Alter sind wichtige Aspekte in der gegenwärtigen Debatte.

Diskussion:

Was die politischen Schlaglichter  mit der persönlichen und beruflichen Situation zu tun haben, zeigten die regen Diskussionen in beiden Workshops. Viele der Beteiligten, die in der offenen Seniorenarbeit tätig sind,  bemerken eine zunehmende Zurückhaltung der älteren und alten BesucherInnen, an Veranstaltungen teilzunehmen, die etwas kosten. Die Angebote sind längst nicht mehr so gut besucht wie früher.  Diese Tendenz betrifft auch Unterstützungsangebote und Hilfsdienste. Schon vergleichsweise kleine Kostenbeträge können eine Hürde sein, das gemeinschaftliche Mittagessen, einen Ausflug oder ein sonstiges Ereignis wahrzunehmen.

Gleichzeitig werden vielfältige Strategien beobachten, die Geldknappheit zu verdecken: Entweder durch Rückzug (zu Hause bleiben) oder durch Kompensation (Mitbringen des eigenen Getränkes), Herstellen von Unauffälligkeit (bloß kein Aufhebens machen von sich).  Von Altersarmut Betroffene schämen sich oft und machen sich im wahrsten Sinne des Wortes „unsichtbar“ .

Dieser Rückzug in die eigenen vier Wände hat zur Folge, dass damit auch mögliche Prävention nicht leistbar ist. Der Anspruch auf Teilhabe im Alter wird durch politische Weichenstellungen konterkariert. Dies sei, so die einhellige Meinung der Diskutierenden,  das eigentliche gesellschaftspolitische Armutszeugnis!

Menschen, die in Armut leben, bemühen sich darum, ihren Mangel zu verbergen.

Der Schein der Alltagsnormalität muss gewahrt bleiben. In der Umgangsweise mit der zunehmenden Armut zeigen MitarbeiterInnen in der offenen Seniorenarbeit viel Fingerspitzengefühl. Vor allem, wenn sie ihre Besucherinnen und Besucher schon länger kennen, können sie vorsorglich agieren: Sie schützen vor (vermeintlich) beschämenden Situationen, unterstützen z.B. beiläufig die Unauffälligkeitsstrategien der Betroffenen und erleichtern ihnen damit den Weg in die Gemeinschaft.

Eine besondere Rolle spielte die Frage, wie diejenigen erreicht werden, die nicht mehr aus dem Haus gehen. Türöffner im wahrsten Sinne des Wortes können persönliche Anlässe wie Geburtstage sein, die ein Eintreten in geschützte Privatsphäre (Hausbesuche) akzeptabel machen.

Ehrenamtliche gründen Förderkreise und ersinnen Sponsoring-Modelle. Es werden Kassen eingerichtet, um Kosten zu übernehmen. Spezielle Feiern werden ausgerichtet, um mit attraktiven Events Geld einzuspielen. Wichtiges Ziel ist es, jede Art von Stigmatisierung zu vermeiden.

Es  gilt, die Armut zu ent-individualisieren und Teilhabe zu ermöglichen.

Die Leinwände bzw. die Ergebnisse des Workshops sind in folgender Präsentation abgebildet:

Ergebnisse des Workshops

Referentin:
Carolina Brauckmann,
Landesfachberatung für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in der Seniorenarbeit c/o rubicon, Köln
www.immerdabei.net

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