Abbildung einer Nachbarschaft

Mitverantwortlich und engagiert in der Nachbarschaft

Zentrale Ergebnisse des Siebten Altenberichts und vierten Freiwilligensurveys

Der 7. Altenbericht und der 4. Freiwilligensurvey behandeln beide aus ihrer Perspektive die Themen „Mitverantwortung und Engagement“ in der Nachbarschaft.

Der 7. Altenbericht befasst sich unter anderem mit der Sorge und Mitverantwortung in der Nachbarschaft. Er konzentriert sich darauf, welche Beiträge die kommunale Politik und örtliche Gemeinschaften leisten können, um die Teilhabe, eine möglichst selbstständige Lebensführung älter werdender Menschen sowie ein aktives Altern in Selbst- und Mitverantwortung sicherzustellen.

Der Deutsche Freiwilligensurvey ist die größte Studie zum freiwilligen und ehrenamtlichen Engagement in Deutschland. Bislang wurden in den Jahren 1999, 2004, 2009 und 2014 Daten erhoben. Im Rahmen der aktuellen Befragung wurde neben dem freiwilligen Engagement im sozialen Nahraum auch erhoben, wie bedeutsam informelle Unterstützung in der Nachbarschaft ist und welche Potenziale in diesen Formen des zivilen Handelns liegen.

Zentrale Ergebnisse aus dem aktuellen Altenbericht und dem Freiwilligensurvey werden im Folgenden vorgestellt. Weitere Details können Sie den Einzelbeiträgen zum 7. Altenbericht und dem 4. Freiwilligensurvey entnehmen, die in Kürze hier auf www.forum-seniorenarbeit.de veröffentlicht werden.

Sozialräume und nachbarschaftliche Beziehungen im Fokus des 7. Altenberichts

Nach Ansicht der Altenberichtskommission spielen für die Entwicklung lokaler Strukturen der Sorge und Mitverantwortung soziale Beziehungen zwischen nahe beieinander lebenden Menschen eine zentrale Rolle. Seit geraumer Zeit werden gegenseitige Hilfe und Unterstützung als ein Baustein eines neu und ganzheitlich gestalteten Pflegewesens gesehen.

Gegenseitige Hilfe und Unterstützung in der Nachbarschaft und ein lebendiges Sozialleben sind keine Selbstverständlichkeit. Sicherlich entwickelt sich manche gute Nachbarschaft von selbst, doch in der Regel müssen Nachbarschaften oft erst gestiftet oder „wiederbelebt“ und Begegnungsorte geschaffen werden.

Der Austausch sowie die Hilfe und Unterstützung zwischen Menschen findet in zwei Grundformen statt: als informeller Austausch und als organisierte Nachbarschaftshilfe.

Zur Förderung von gegenseitiger Hilfe und Unterstützung ist es wichtig, das Kommunen, den öffentlichen Raum in den Quartieren, Stadtteilen, Dörfern und Siedlungen so gestalten, dass Austausch und Kontakt zwischen den dort lebenden Menschen erleichtert und wahrscheinlicher werden. Dazu gehört auch, kleinräumig und dezentral verteilte Infrastrukturen für Versorgung und Freizeit zu schaffen bzw. zu erhalten. Daneben können sich Kommunen auf verschiedene Weise daran beteiligen, formal organisierte Nachbarschaftshilfen anzustoßen und zu fördern.

Die Bewohnerinnen und Bewohner eins Gemeinwesens müssen in die Entwicklung und Umsetzung von Projekten zur Gestaltung des Sozialraums eingebunden werden. Dies ist Ausdruck sozialer Teilhabe. Dabei sind Partizipationsverfahren anzuwenden, die es allen sozialen Gruppen ermöglichen, ihre Bedürfnisse und Interessen zum Ausdruck zu bringen. Die Beteiligung darf keine Pro-forma-Beteiligung sein, ohne dass Gestaltungsmöglichkeiten gegeben sind. Das Ergebnis partizipativer Prozesse ist nicht planbar und muss offenbleiben!

Ein großes Unterstützungspotenzial wird in den nachbarschaftlichen Beziehungen älterer Menschen gesehen, doch die Erwartungen sollten laut Altenberichtskommission nicht zu hoch angesehen werden:

  • So ist beispielweise die Gestaltbarkeit von Nachbarschaften begrenzt. Es können zwar Rahmenbedingungen für gute nachbarschaftliche Beziehungen hergestellt und Prozesse unterstützt werden, doch die Entwicklung von Nachbarschaften lässt sich nicht steuern.
  • Der Aufbau von Bekanntschaften braucht Zeit und tragfähige nachbarschaftliche Beziehungen entstehen über Jahre.
  • Frauen leisten einen sehr großen Teil der gegenseitigen Unterstützung in der Nachbarschaft. Die geleistete informelle Sorgearbeit erfährt bislang wenig Anerkennung. Was für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf gilt, ist auch bei Beruf und Nachbarschaft festzustellen. Es ist beides schwer unter einen Hut zu bringen.

Nachbarschaftliche Unterstützung und  freiwilliges Engagement – Zentrale Ergebnisse des vierten Freiwilligensurvey

Die Befunde des Freiwilligensurveys zeigen, wie bedeutsam nachbarschaftliche und freundschaftliche Unterstützungsnetzwerke heute bereits sind und welche Potenziale in diesen Netzwerken liegen. Sie haben das Potenzial, Bedarfe wie etwa Pflege und Betreuung bedürftiger Personen mit abzudecken, deren Sicherstellung allein über marktbasierte Leistungen nicht bezahlbar wären.

Freiwilliges Engagement und informelle Unterstützung sind keine konkurrierenden sondern einander ergänzende Tätigkeiten. Wer im sozialen Nahraum Unterstützung leistet, ist zu höheren Anteilen freiwillig engagiert als Personen, die nicht unterstützen. Umgekehrt gilt auch, dass Engagierte zu höheren Anteilen informelle Unterstützung leisten als Nicht-Engagierte.

Rund ein Fünftel der Wohnbevölkerung Deutschlands ab 14 Jahren hat sich sowohl freiwillig engagiert als auch informell unterstützt. Diese Personengruppe kombiniert somit verschiedene Formen des zivilgesellschaftlichen Handelns. Unterschiede im zivilgesellschaftlichen Handeln sind zwischen Frauen und Männern vergleichsweise gering. Ein gutes Drittel der Wohnbevölkerung ab 14 Jahren hat weder eine freiwillige Tätigkeit ausgeübt noch Arbeiten in der Nachbarschaft übernommen.

Da private informelle Unterstützung im Alltäglichen und privat, oft im „Verborgenen“ stattfindet, wird ihr Beitrag öffentlich leicht übersehen oder unterschätzt. Von der Wohnbevölkerung ab 14 Jahren unterstützen rund 40 Prozent Nachbarn, Freunde oder Bekannte. Am häufigsten werden davon sogenannte instrumentelle Hilfen im sozialen Nahraum geleistet. Pflege- und Betreuungsleistungen sind zwar anteilig seltener, in Relation zum Bedarf jedoch ebenfalls weit verbreitet. Fast 47 Prozent sind freiwillig engagiert.

Der entscheidende Vorteil der informellen nachbarschaftlichen Hilfe liegt in der geografischen Nähe und den damit kurzen – häufig gemeinsamen – Wegen zu Kindergarten, Schule, zum Arzt, zu Einkaufsmöglichkeiten oder zur Kirchengemeinde.

Für die Gebenden können die helfenden Tätigkeiten trotz möglicher Belastungen auch einen Gewinn an Lebensqualität, Sinnstiftung sowie erfüllende Aufgabe bedeuten. Die Unterstützenden, die von der Hilfe direkt profitieren, kann die Unterstützung ein Plus an Selbständigkeit und Freiheitsgraden bringen.

Über den individuellen Zugewinn hinaus kann private informelle Unterstützung eine gute Nachbarschaft befördern, integrierend und gemeinschaftsstiftend wirken.

Annette Scholl
Forum Seniorenarbeit / Kuratorium Deutsche Altershilfe

annette.scholl@kda.de | Tel.: 0221/931847-71

Quellen:

Deutscher Bundestag (2016): „Sorge und Mitverantwortung in der Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften und Stellungnahme der Bundesregierung – Siebter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland“, Drucksache 18/10210, 02.11.2016. Abruf am 30.05.2017.

Julia Simonson, Claudia Vogel & Clemens Tesch-Römer (Hrsg.) Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Springer VS. Abruf am 30.05.2017.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Zentrale Ergebnisse – Zweiter Engagementbericht 2016. Abruf am 19.6.2017

Foto: Pixabay

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