Wandel mit der Theorie U

Workshop 14 der Herbstakademie 2016: Wandel mit der Theorie U

Mit Neugier, Mut und Mitgefühl die Zukunft der Seniorenarbeit gestalten

Das Besondere der Theorie U von Dr. Otto Scharmer ist, dass aus der Zukunft neue Herangehensweisen entwickelt werden. Denn die heutigen gesellschaftlichen Veränderungen stellen uns vor komplexe und vielschichtige Herausforderungen, für die uns die Vergangenheit keine Anleitungen bietet.

Bislang konzentrierte sich Lernen auf das Lernen aus der Vergangenheit und basiert auf dem üblichen Lernzyklus wie Planung, Tun, Beobachten und Reflexion.Doch es zeigt sich, dass heutzutage etwas anderes erforderlich ist, dass nämlich die Vergangenheit losgelassen wird, um sich mit entstehenden Zukunftsmöglichkeiten zu verbinden.

Um eine Zukunft zu bekommen, die wir möchten, braucht es Veränderungen in drei Dimensionen:

  • Eine verbesserte Beziehung zu anderen
  • Eine verbesserte Beziehung zu dem gesamten System
  • Und eine verbesserte Beziehung zu sich selbst.

Dieses auf die Zukunft ausgerichtete Lernen hatte bislang weder einen Namen noch eine Methode, mit der es möglich ist. Otto Scharmer begann diesen Prozess als Theorie U und als Presencing zu bezeichnen. Presencing verbindet die beiden Begriffe „sensing“ (spüren und zwar die Zukunftsmöglichkeiten) und „presence“ als den Zustand des Anwesendseins im gegenwärtigen Augenblick. Es bedeutet, dann man die eigene höchste Zukunftsmöglichkeit spürt und verwirklicht – das man das, was entstehen will, vergegenwärtigt und von dieser Präsenz aus handelt.

Das U und sein Verlauf

 

Um das zu bekommen, was wir in unsere Zukunft wollen, müssen wir unsere Energie auf das richten müssen, was wir in die Welt bringen möchten und unsere Energie davon abziehen, was wir vermeiden wollen. Denn die Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Im U-Prozess wird die Struktur der eigenen Aufmerksamkeit gestaltet. In dieser bewussten Gestaltunimg_3399g der Aufmerksamkeit liegt ein Hebel, Zukunftsmöglichkeiten wahrzunehmen und aus ihnen heraus zu handeln.

Um unsere Aufmerksamkeit auf die Zukunft zu richten, ist dem Verlauf des U zu folgen. Das bedeutet zunächst das U herunterzuwandern, den Tiefpunkt des U zu erreichen und das U wieder nach oben zu gehen. Die Bewegung auf der linken Seite des U öffnet das Denken, das Fühlen und den Willen und mit Widerständen auf der Ebene der Gedanken, des Gefühls und des Willens umzugehen. Die Bewegung auf der rechten Seite des U ist eine Wiedereingliederung der Intelligenz des Kopfes, des Herzens und der Hände im Zusammenhang mit praktischen Anwendungen.

Der gesamte U-Prozess basiert auf sieben Kernfähigkeiten:, um die Aufmerksamkeit bewusst zu gestalten:

  1. Runterladen: Unser Handeln basiert auf Gewohnheitsmustern. Um zukünftige Möglichkeiten wahrnehmen zu können, bildet dieses „Runterladen“ ein Hindernis dar, da es lediglich alte Muster aus der Vergangenheit wiederholt. Es gilt die alten Denkgewohnheiten beiseite zu schieben und unvoreingenommen zu betrachten. Die erste Stufe im U-Prozess beschreibt die Fähigkeit, sich des Runterladens von vergangenen Denk- und Verhaltensmustern bewusst zu werden. Es erlaubt eine ungetrübtere Wahrnehmung der Realität.
  2. Seeing – Hinsehen: Der erste Schritt besteht im bewussten Hinschauen. Es bedeutet, die Wahrnehmung wird konturierter und schärfer. Man begibt sich in zum Beispiel an die Orte oder zu Menschen einer Organisation, die für die Veränderung wesentlich sind. Oder in denen Aspekte der Zukunft zu erkennen sind. Man spricht mit den Mitarbeitenden vor Ort und hört Ihnen mit offenem Verstand und Herzen zu. Durch das aufmerksame Zuhören wird idealerweise die Stimme des Urteilens ausgeschaltet. Denn selbst wenn wir uns an einem Ort des größtmöglichen Zukunftspotenzials befinden, hängt es davon ab, dass wir unsere Urteilsgewohnheiten, die durch unsere Erfahrungen geprägt sind, zurückhalten können.
  3. Sensing – Hinspüren: Das Fühlen zu öffnen, bedeutet das Herz zu öffnen, so dass wir unsere tieferen Ebenen unserer Wahrnehmung erschließen und aktivieren. Wir lernen unsere Gefühle als Wahrnehmungssensoren zu nutzen. Mit diesem Schritt können wir uns in das Erleben des Anderen versetzen. Wir bekommen Zugang zu unserer emotionalen Intelligenz. Eine Öffnung des Fühlens erlaubt eine Situation vom Ganzen her sehen zu können. Das Hinspüren lässt die Grenzen zwischen Beobachter und zu beobachtendes Objekt auflösen. Es findet eine Verschiebung des Von-außen-Betrachtens zu einem von innen erspüren.
  4. Presencing: Dieser Schritt ist das zentrale Moment im U-Modell. Presencing ist dem Sensing sehr ähnlich, doch während sich das Sensing sich auf das Gegenwärtige fokusiert, richtet sich das Presencing auf das Zukünftigen aus. Dabei empfiehlt er zu einem Ort der inneren Stille gehen und sich mit der Frage auseinandersetzen: Was ist die zukünftige Möglichkeit, die sich hier realisieren will? Was hat das mit meinem/unserem Weg zu tun? Oder anderes gefragt: Wer ist mein wirkliches Ich? Was ist meine wirkliche Aufgabe? Dabei entsteht ein Bild, was unter bestmöglichen Bedingungen in der Zukunft erreicht werden kann. Dies ist zunächst ein individueller Vorgang, der danach aber auch in einem Prozess innerhalb der Gruppe oder Organisation überführt werden kann.
  5. Chrystalizing/Verdichten und Kristallisieren: Kristallisieren oder Verdichten heißt, dass man mit seiner Quelle verbunden bleibt und die Vision und Intention, nach vorne zu gehen, langsam klärt. Dabei entwickelt, verändert und verwandelt sich unser Bild der Zukunft beständig. Was dabei entsteht, hat eine sehr starke Verbindung zu dieser Person bzw. diesen Personen. Erfolgreiche Initiativen oder Veränderungsprojekte haben häufig Gemeinsamkeiten, beispielsweise, das eine kleine Gruppe im Kern sich vollständig mit der Intention des Projekts verbindet. Eine solche Kerngruppe kann mit ihrem Vorhaben ein Energiefeld schaffen, wodurch viele Menschen, Möglichkeiten und Ressourcen angezogen und Dinge in Bewegung gesetzt werden können. Diese Kerngruppe fungiert als Landebahn dafür, dass eine Zukunftsmöglichkeit real wird.
  6. Prototyping – Erproben: Die Zukunft im praktischen Tun erkunden. Es gilt Prototypen des Neuen zu entwickeln, um die Zukunft zu erforschen. Prototypen sind Landebahnen für die entstehende Zukunft und ermöglichen ein Erkunden der Zukunft im praktischen Tun. In kurzen und einfachen Lernzyklen zeigt sich, wie diese Prototypen auf das Umfeld reagieren, wo Herausforderungen liegen und wie es weiterentwickelt werden kann. Ein Prototyp ist ein Lern- und Anpassungsprozess, basierend auf Rückmeldungen und unmittelbar darauf basierenden Anpassungen.
  7. Performing – in die Welt bringen/das Neue anwenden: Aus der Phase des Prototyping entwickeln sich Lösungen, die im weiteren Verlauf bzw. Veränderungsprozess umgesetzt werden und zu einem gemeinsamen, neuen Handeln im Individuum oder der Organisation führen. Auch an dieser Stelle hört das Anpassungen und Optimieren nicht auf, sondern gestaltet sich fort.
    Es folgt eine integrative Phase, die die praktischen Ergebnisse überprüft und nachhaltig gestaltet.

Verlangsamung der Aufmerksamkeit

Otto Scharmer hat mit seinen Forschungsarbeiten vier unterschiedliche Qualitäten des Zuhörens indentifiziert. Diese vier Formen/Ebenen des Zuhörens machen deutlich, wie sich sie Struktur der Aufmerksamkeit und damit auch unterschiedliche Ergebnisse:

1. Downloading – Alles altbekannt!

Das Gehörte wird lediglich aufgenommen und mit bereits gespeicherten Erfahrungen verglichen. Die Aufmerksamkeit liegt einzig auf dem, was die eigenen Denkgewohnten bestätigt. So werden die neuen Herausforderungen nicht gesehen und die zukünftigen Chancen nicht gespürt, weil an alte Regelwerke oder frühere Erfahrungen klammert.

  1. Das faktische Zuhören

Das wird meist von guten Wissenschaftlern praktiziert. Diese Art des Zuhörens ist rein auf die Wahrnehmung von Fakten konzentriert. Das Zuhören fokussiert sich auf neue oder widersprechende Daten. Der Zuhörende urteilt nicht und hört zu, um Informationen zu erhalten, die vorher noch nicht vorlagen.

  1. Das empathische Zuhören

Hier kommt die soziale Komplexität hinzu, die beim Faktenhören fehlt. Der Zuhörer nimmt die Realität / Gegenwart aus der Perspektive des anderen war und empfindet dessen Lebensumstände mit. Empathisches Zuhören bedeutet, sich in die Situation eines anderen hineinzuversetzen und die Welt mit seinen Augen zu sehen. Er erfährt die Gedanken und Bedürfnisse des Gegenübers, die eigenen treten in den Hintergrund.

  1. Das schöpferische Zuhören

Das generative oder auch schöpferische Zuhören bedeutet, einem Raum intensiver Aufmerksamkeit zu schaffen, der es zulässt, dass eine Zukunftsmöglichkeit sich zeigt bzw. deutlich manifestiert. Ein guter Coach arbeitet so: Er hört auf eine Weise zu, die es dem Klienten ermöglicht mit seinem im seinem entstehenden zukünftigen Selbst in Kontakt zu kommen. Mit dieser Art des Zuhörens können eine tiefere Qualität der Aufmerksamkeit und ein neuer Zugang zu einem inneren Wissen erlangt werden. Der Kreis der Aufmerksamkeit erweitert sich und eine neue Realität am Horizont wird sichtbar und nimmt Gestalt an. Die Gesprächspartner agieren von einem höheren Energie- und Aufmerksamkeitsfeld und sind innerlich ein kleines Stück ihrem eigentlichen (authentischen) Selbst näher gekommen.

Wenn sich das Zuhören von Ebene 1 (flach) zu Ebene 4 (tief) verändert, erfährt die Aufmerksamkeit mehrere Wendepunkte: angefangen mit dem Innehalten (dem Einstieg ins faktische Zuhören) über das Umwenden (Einstieg in empathisches Zuhören) bis zum Loslassen (dem Einstieg ins generative Zuhören). Diese individuellen Änderungen zeigen sich auch in der Qualität bei Gesprächen in Gruppen. Es ist bei Ebene 1 mehr oder weniger ein Smalltalk, während es bei Ebene 2 eine Diskussion ist und bei Ebene 3 sich zu einem Dialog entwickelt. Auf der vierten Ebene bedeutet dies kollektive Kreativität.

 

Literaturtipps:

 

Empfehlenswert ist zum Einstieg in die Theorie U folgender Artikel:

C. Otto Scharmer und Katrin Käufer: Führung vor der leeren Wand Presencing als soziale Technik. OrganisationsEntwicklung 2/2008, S. 4 – 11  [mehr]

 

C. Otto Scharmer: Theorie U – Von der Zukunft her führen: Presencing als soziale Technik, Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2014

Eine überarbeitete Version liegt bislang nur in englischer Sprache vor:

C. Otto Scharmer: Theory U – Leading from the Future as It Emerges: Berrett-Koehler Publisher, Oakland, CA 2016

Link-Tipps:

www.ottoscharmer.com

Otto Scharmer bietet seit 2015 ein kostenloses Online-Programm  in englischer Sprache – ein sogenanntes MOOC –  an, das in die Theorie U einführt, aber auch Menschen zusammenbringen will, um Veränderungen in Bildung, Wirtschaftschaft und Gesellschaft zu erreichen.

http://www.ottoscharmer.com/programs/ulab

 

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