“Birlikte evde!? Gemeinsam zuhause !?”

Workshop 6 der Herbstakademie 2016: “Birlikte evde!? Gemeinsam zuhause !?”

Gemeinschaftliches Wohnen für ältere türkeistämmige Migrantinnen und Migranten mit Betreuungsbedarf

Ablauf:
  1. Vorstellungsrunde und spielerischer Einstieg
  2. Inhaltlicher Input
  3. Diskussion und Fazit

  1. Vorstellungsrunde und spielerischer Einstieg

Zum Einstieg in die Thematik wurden die Teilnehmenden aufgefordert, einigen Ansichten zum Alter, die aus den Interviews vergangener Untersuchungen stammten, die entsprechenden Profil (Name und Alter) der Interviewten zu zuordnen.

Diese Profile umfassten Frauen wie Männer, verschiedene Lebensalter sowie Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Die Statements der Menschen mit Migrationshintergrund wurden vorab übersetzt bzw. sprachlich geglättet.

Es zeigte sich, dass die aufgrund der wenigen, rein statistischen Daten die verfügbar waren, kaum eine Zuordnung zu treffen war und die wenigen Übereinstimmungen eher zufälliger Natur waren.

  1. Inhalte

Input 1 (Thomas Risse)

Es wurde das Projekt ‚Interkulturelle Altenpflege vorgestellt, das mit und in der Stadt Gelsenkirchen zusammen mit acht Pflegeeinrichtungen durchgeführt wurde. Ziel war es, Grundsteine für interkulturelles Management und Personalentwicklung zu legen. Im Workshop wurden die zentralen Ergebnisse thesenartig zur Diskussion gestellt:

  • Interkulturelle Öffnung bedeutet nicht, Pflegebedürftige plötzlich auf das Merkmal ‚Herkunftsland‘ zu reduzieren. ‚Deutsche‘ sind ebenso wenig gleich wie Türken, Polen, Russen, Rumänen … Ist nicht vielmehr danach zu fragen, welche Besonderheiten vielleicht zusätzlich zu beachten sind, wenn jemand nicht in Deutschland groß geworden ist und wie wir Angebote entsprechend verändern oder neu schaffen?
  • Die Pflege ist besser als ihr Ruf – Der (ungerechtfertigte) schlechte Ruf der Pflegeeinrichtungen macht es Zuwandererfamilien (noch) schwerer, über eine Heimunterbringung überhaupt auch nur nachzudenken – Müssen wir hier nicht mehr mit gutem Gewissen von guten Beispielen erzählen? Von Beispielen, wo es allen Beteiligten mit Unterstützung durch ‚Profis‘ schließlich besser geht? Brauchen wir nicht mehr große oder kleine Vertrauenskampagnen, mit dem Ziel, das Leben im Heim realistisch aber eben ‚familiennah’ darzustellen?
  • Viele Einrichtungen machen keine speziellen Angebote für Zuwanderer, weil sie keine spezielle Nachfrage beobachten können – umgekehrt bemängeln Zuwanderer, die Angebote seien nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Ist dies wirklich ein Teufelskreislauf oder sind spezielle Angebote auch gar nicht wirklich erforderlich? Oder hängt es eher davon ab, wer diese Angebote macht? Nach dem Motto: Ein ‚deutscher‘ Pflegedienst kann noch so tolle Angebote machen, wenn er nicht einen besonderen Draht zu den Communities hat?
  • Experten bemängeln das Fehlen vor allen Dingen teilstationärer Angebote. Würden mehr Tagespflegeangebote dazu beitragen, kulturelle ‚Hürden‘ bei der Nutzung von Pflegeangeboten zu überwinden?
  • Viele Pflegeeinrichtungen sind längst ‚interkulturell‘. Oft haben 25 Prozent der Beschäftigten einen aktuellen Zuwanderungshintergrund. Es bleibt aber ein Geheimnis, was bei den Familientreffen über die eigene Einrichtung erzählt wird. Wie können die eigenen Mitarbeiter zu interkulturellen Botschaftern der Pflege werden und fehlendes Vertrauen aufbauen?
  • Die migrantische Großfamilie wird immer mehr zum Mythos – Familien zum Beispiel mit türkischen Wurzeln sitzen oft zwischen den Stühlen: Die Tradition verlangt die Pflege durch Angehörige – doch Berufstätigkeit, räumliche Trennung und die Betreuung eigener Kinder verschiebt die Prioritäten. Kann uns diese Erkenntnis helfen, um den aufgeschlossenen Familien den Zugang zu institutionellen Hilfestrukturen zu verbessern?
  • Ansprache und Kommunikationsmöglichkeiten in der jeweiligen Muttersprache schaffen Vertrauen. Kommunikationsmöglichkeiten in der Muttersprache im Haus sind ein wichtiger Türöffner, stellen eine Grundlage für die Bildung von guten Beziehungen dar.
  • Die klassischen Informationswege zum Thema Pflege und Betreuung (Broschüren, Pflegestützpunkte, Internet …) erreichen die Zielgruppen (angeblich) nicht oder nur unzureichend. Wer sind die richtigen Multiplikatoren, um das Thema Pflege an diejenigen heranzutragen, die es nicht aus erster Hand hören wollen oder können?
  • Das mangelnde Vertrauen in die Betreuungs- und Versorgungsangebote ist ein Ausdruck mangelnden Vertrauens in die Institutionen. Viele Migranten der ersten Einwanderungswelle fühlen eine große ‚Undankbarkeit‘ der Deutschen. Ihre Leistungen werden nicht gewürdigt. Statt dessen wurde ihnen immer wieder deutlich gemacht, dass sie nicht wirklich erwünscht sind. Das hat Vertrauen zerstört. Müssen nicht hier alle Maßnahmen ansetzen, Vertrauen aufzubauen?

Input 2 (Michael Cirkel)

Vorstellung des Projektes „Gemeinsam zuhause? Birlikte evde?“  Wohnalternativen für pflegebedürftige türkische Migrantinnen und Migranten des Instituts Arbeit und Technik im Auftrag des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherungen.

Ziele

Das Projekt untersuchte die Möglichkeiten gemeinschaftlichen Wohnens pflegebedürftiger türkeistämmiger Migrantinnen und Migranten in Pflege- bzw. Demenz-Wohngemeinschaften. Dazu wurde eine repräsentative Datengrundlage über die Ansichten türkeistämmiger älterer Menschen zu den Themen Wohnen im Alter, Pflegebedürftigkeit und Demenz sowie über die Akzeptanz gemeinschaftlichen Wohnens erarbeitet.

Hinsichtlich des Vorgehens war die intensive Zusammenarbeit mit türkeistämmigen Älteren von besonderer Bedeutung, um auf diese Weise deren Bedürfnisse und Ansprüche möglichst realistisch abzubilden. Neben Experten- und biografischen Interviews wurde eine repräsentative Telefonbefragung von über 1000 türkeistämmigen Älteren durchgeführt.

Mit Abschluss der vorliegenden Untersuchung liegen damit erstmals repräsentative Daten zu dieser Fragestellung vor. Das Spektrum der Ansichten weist eine beachtlich Breite auf. Wichtigste Erkenntnisse sind:

  • Die grundsätzliche Akzeptanz gemeinschaftlichen Wohnens bei Pflegebedürftigkeit sollte nicht unterschätzt werden. Ist ein Verbleib in der eigenen Wohnung nicht mehr möglich, finden rund 30% der Befragten diese Alternative attraktiv.
  • Als wichtiges Argument für eine Wohngemeinschaft gilt die professionelle pflegerische und medizinische Betreuung. Wichtig ist aber zugleich der familiäre Charakter.
  • Eine Wohngemeinschaft für türkeistämmige Personen in Deutschland kann im Wesentlichen der üblichen Form dieser Wohnalternative entsprechen.
  • Das Angebot sollte sich jedoch in einigen Punkten unterscheiden. An erster Stelle steht die sprachliche und kulturelle Kompetenz des Personals. Ein zweiter wichtiger Punkt sind traditionelle Mahlzeiten.
  • Baulich sollte beachtet werden, dass auch große Besuchergruppen Platz finden.
  • Bei der Lage eines solchen Wohnangebots ist in jedem Fall ein quartiersintegrierter Standort zu bevorzugen.
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In der Diskussion wurde als Fazit die Bedeutung vertrauensbildender Maßnahmen hervorgehoben. Es wurden dazu von Teilnehmer/innen eigene Beispiele eingebracht, um aufzuzeigen, wie das Einbinden von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte auch indirekt funktionieren kann.

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