Altengerechte Quartiere NRW: Interview mit Ministerin Steffens

Interview mit Barbara Steffens (Grüne), Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter in Nordrhein-Westfalen

Warum beschäftigt sich das MGEPA mit dem Thema Quartier? Warum ist das Quartier gerade für ältere Menschen von hoher Bedeutung?

Barabara Steffens
Barbara Steffens

Steffens: Wenn die Mobilität abnimmt, wird das Wohnumfeld zum zentralen Lebensraum. Alle Umfragen zu Vorstellungen vom Leben im Alter zeigen, dass die meisten Menschen auch bei Unterstützungsbedarf weiterhin selbstbestimmt leben und am sozialen Miteinander teilhaben wollen. Und zwar so lange wie möglich in ihrem vertrauten Viertel, Veedel, Stadtteil, Dorf – eben in ihrem Quartier. Das geht aber nur, wenn wir unsere Quartiere alters- und altengerechten gestalten. Wir brauchen dazu nicht nur bauliche Veränderungen. Genauso wichtig ist die Berücksichtigung der Aspekte soziale Integration und Sicherheit, Versorgung und Dienstleistungen, Pflegebedarf, Mobilität und Partizipation. Dabei unterstützen wir die Kommunen mit unserem Masterplan altengerechte Quartiere.NRW. Da der Anteil  älterer Menschen an der Bevölkerung künftig weiter steigt, der von erwerbstätigen Personen dagegen sinkt, werden wir Pflege in Zukunft auch nur noch angemessen organisieren können, wenn wir den ambulanten Bereich deutlich stärken und diese neuen Strukturen schaffen.

Welche Rolle spielt die Kommune in diesem Prozess? Wer sind relevante Partner*innen vor Ort?

Steffens: Die Kommunen haben die zentrale Rolle. Für altengerechte Quartiere gibt es kein Patentrezept, denn die Quartiere werden so unterschiedlich sein wie die Menschen, die dort leben. Deshalb müssen die Weichen vor Ort gestellt werden. Gelingen kann eine erfolgreiche Quartiersentwicklung nur mit einem breiten Beteiligungsprozess mit allen relevanten Akteurinnen und Akteuren vor Ort, das können neben den Bürgerinnen und Bürgern selbst beispielsweise die Wohlfahrtspflege, die  Wohnungswirtschaft, Dienstleister wie Arztpraxen, Apotheken oder Physiotherapeuten, der Einzelhandel und Vereine sein. Die Kommunen müssen diesen Prozess moderieren. Dabei unterstützen wir sie in vielfältiger Weise, z.B. durch Finanzierung von Quartiersmanagerinnen und –managern, die vor Ort die Rolle des „Motors“ übernehmen. Kurz gesagt: Kommunen, die rechtzeitig in Prävention und altengerechte Strukturen investieren, können vielen ihrer Bürgerinnen und Bürger den sonst vorgezeichneten Weg ins Pflegeheim ersparen. Das bedeutet mehr Lebensqualität für die Menschen, aber auch weniger Kosten für die kommunalen Haushalte.

Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht bürgerschaftliches Engagement bei der Entwicklung altengerechter Quartiere?

Steffens: Ebenfalls eine zentrale. Erstens kann eine Quartiersentwicklung nur gelingen, wenn die Menschen vor Ort ihren Lebensraum aktiv mitgestalten. Zweitens brauchen wir wieder ein stärkeres Miteinander, ein Geben und Nehmen zwischen alt und jung, die wechselseitige Unterstützung, die beiden Generationen nützt. Mit staatlichen Systemen alleine lässt sich das nicht regeln. Es wäre auch nicht sinnvoll. Junge Menschen können stark von den Erfahrungen der Älteren profitieren, ältere Menschen von praktischer Unterstützung durch die Jüngeren.  Diese uralte Tradition des Miteinanders müssen wir neu beleben.

Viele Kommunen in NRW sind schon länger auf diesem Weg. Gibt es Ergebnisse, Erkenntnisse oder generelle Empfehlungen für die Quartiersarbeit?

Steffens: Es gibt kein Patentrezept für ein altengerechtes Quartier. Es kommt immer darauf an, was die Menschen vor Ort wollen und brauchen. Von zentraler Bedeutung sind aber folgende Schritte: Die Ermittlung der Bedarfe der Menschen, die von Quartier zu Quartier unterschiedlich sind, die Erarbeitung eines dementsprechend zugeschnittenen Konzepts und seine Umsetzung unter Beteiligung aller relevanten Akteurinnen und Akteure. Bei meiner diesjährigen Quartiers-Sommertour ist auch immer wieder deutlich geworden, dass es in den Quartieren einen zentralen und sichtbaren Raum geben muss, wo Begegnung und ein Austausch über Ideen stattfinden kann.

Was sind, andersherum gefragt, die größten Herausforderungen bei der Quartiersentwicklung?

Steffens: Die Erfahrung zeigt, dass es trotz vieler positiver Beispiele in NRW noch Handlungsbedarf gibt. Nachhaltige Strukturen können nicht erzwungen werden, sondern müssen in einem partizipativen Prozess wachsen. Es bedarf der Überzeugung durch Argumente, des aktiven Zugehens auf die älteren Bürgerinnen und Bürger, ihrer Einbindung und der Angebote zur Mitgestaltung. Und notwendig sind immer Personen, die die Initialzündung geben und den Prozess moderieren.

In diesem Zusammenhang ist es nochmals wichtig darauf hinzuweisen, dass die Herausforderungen von Quartier zu Quartier ganz unterschiedlich sind. Ein gutes Beispiel ist der Vergleich von ländlichen oder städtischen Quartieren. Gerade in ländlichen Quartieren existiert häufig keine Nahversorgung mehr in „Pantoffelnähe“. Die gesundheitliche Versorgung stellt ebenfalls auf dem Land eine Herausforderung dar. Ländliche Quartiere leiden aber auch unter dem Wegzug junger Menschen bedingt durch fehlende Arbeitsplätze. Dies führt dazu, dass soziale Strukturen in den Quartieren nicht ausgeglichen sind. Darüber hinaus zeigen die Bevölkerungs- und Sozialprognosen, dass immer mehr alte und sehr alte Menschen allein leben, so dass der Quartiersgedanke und soziale Nachbarschaften immer wichtiger werden. Die Alternative zum Leben im Quartier und dem vertrauten Umfeld wäre für die Personen eine vollständige Versorgung in professionellen Wohn- und Betreuungseinrichtungen. Das entspricht in der Regel nicht dem Lebenswunsch und würde zudem eine hohe finanzielle Belastung für die Gesellschaft mit sich bringen.

Eine große Herausforderung ist die Haltung der Gesellschaft gegenüber dem Alter oder dem Älterwerden. Wir brauchen eine neue Kultur der Achtsamkeit und des gegenseitigen Unterstützens. Die Bedarfe der älteren Menschen müssen als Normalität begriffen werden. Das gilt auch oder ganz besonders für Demenzerkrankte. Für die konkrete Quartiersarbeit bedeutet dies, dass Angebote entwickelt werden müssen, die die unterschiedlichen Generationen, aber auch Kulturen zusammenbringen.

Welche Möglichkeiten hat die Landesregierung den Quartiersansatz / sozialräumliche Ausrichtung in die Fläche unseres Landes zu transferieren?

Steffens: Durch den Masterplan altengerechte Quartiere.NRW soll die Idee eines selbstbestimmten Lebens in der vertrauten Umgebung in NRW verbreitet werden. Er hat das Ziel, die pflegerische und soziale Infrastruktur im Quartier so zu entwickeln, dass auch ältere und/oder pflege- oder unterstützungsbedürftige Menschen nicht nur so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben können – und zwar unabhängig von ihrem Wohnort und ihrem sozialen Status –, sondern auch ihre soziale Teilhabe im Alter ermöglicht wird. Da jede Kommune andere Voraussetzungen und Bedarfe aufweist, müssen dafür jeweils vor Ort individuelle Lösungen gefunden werden.

Die Umsetzung des Masterplans erfolgt durch unser Landesbüro altengerechte Quartiere.NRW mit Sitz in Bochum. Es unterstützt viele unterschiedliche Akteurinnen und Akteure auf dem Weg der altengerechten Quartiersentwicklung. Das Team des Landesbüros berät und vernetzt kommunale Verwaltungen, Wohlfahrtsverbände, Kirchen, die Wohnungswirtschaft, Initiativen aus den Quartieren, die Wissenschaft und andere mehr bei der Entwicklung von alternativen Konzepten, innovativen Projekten und nachhaltig demographiefesten Strukturen für altengerechte Quartiere in ganz NRW.

Das neue Alten- und Pflegegesetz Nordrhein-Westfalen richtet darüber hinaus den Blick zukunftsweisend auf übergreifende Versorgungsstrukturen im Quartier, auf die Unterstützung pflegender Angehöriger und die von vielen Menschen gewünschten kleineren alternativen Wohnangebote. Die Neuausrichtung hat das Ziel, Lebenslagen im Vorfeld von Pflege zu stabilisieren, den Herausforderungen durch Pflege passgenauer zu begegnen, lokales soziales Geschehen einzubinden, das Umfeld bewusst zu stabilisieren und zu stärken und pflegende Angehörige anzuerkennen. Der „Landesförderplan Alter und Pflege“ ist dabei ein wichtiges Instrument. Ziel ist u.a. durch unterschiedliche Förderangebote eine altengerechte Quartiersentwicklung in die Fläche zu bringen. Durch das Förderangebot 2 „Entwicklung altengerechter Quartiere in NRW“ können 53 Quartiere – je eins pro Kreis, kreisfreier Stadt und der Städteregion Aachen – unterstützt werden. Mit dem Förderangebot soll ein Impuls gesetzt werden, damit sich Kommunen auf den Weg machen, (mehr) altengerechte Quartiere zu gestalten. Rund 80 Prozent machen bereits dabei mit!

Darüber hinaus wurde in diesem Jahr ein zusätzlicher Aufruf im Rahmen des Förderangebots gestartet. Für eine zielgenaue Vertiefung und inhaltliche Weiterentwicklung des Masterplans durch Quartiersprojekte mit den Schwerpunkten Gender, Gesundheit oder Migration. Bereits elf Kommunen wollen noch in diesem Jahr damit beginnen. Durch die geförderten Quartiere soll ein öffentlicher Dialog über das Leben im Alter und die Bedeutung des Quartiers angestoßen werden, so dass auch andere Kommunen und Quartiere sich auf den Weg machen und mit einer altengerechten Quartiersentwicklung beginnen. 

Aus dem MGEPA gibt es unterschiedliche Förderangebote, z.B. die Beratung durch Quartiersentwickler*innen. Wie schafft man nach der Phase der Anschubfinanzierung eine nachhaltige Struktur?

Steffens: Es muss ein generelles Umdenken stattfinden, ein Bewusstseinswandel erzeugt werden. Mit dem Förderangebot wollen wir einen Impuls setzen, damit Kommunen eine vernetzte und amtsübergreifende Denkweise eröffnen. Wichtig ist, dass sich die Kommunen und die unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure mit einer altengerechten Quartiersentwicklung beschäftigen. Die Menschen müssen sich umsehen, Bedarfe feststellen und Maßnahmen entwickeln.

Verbesserungen initiieren – egal, ob im Kleinen oder im Großen, d.h. egal, ob es um ein abgestimmtes Konzept für den Öffentlichen Nahverkehr geht oder um das Aufstellen einer zusätzlichen Bank, die beim Einkauf eine Pause ermöglicht. Viele Dinge bringen den Erfolg und jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Festzuhalten ist, dass sich Nachhaltigkeit nicht einfach von allein ergibt: Vielfach muss sie über professionelle Unterstützungsstrukturen sichergestellt werden: Diese können beispielsweise von Quartiersentwicklerinnen und –entwicklern und anderen Akteurinnen und Akteuren wie Kirchengemeinden oder Wohlfahrtsverbänden initiiert  werden. Um die Quartiersentwicklung voranzutreiben und entsprechendes Personal zur Verfügung zu stellen, braucht es eine Finanzierung, die langfristig angelegt ist. Auf diese Weise können Prozesse für die Zukunft geplant werden. Mit Hilfe der jetzt vom Land finanzierten Quartiersmangerinnen- und managern und den Fortbildungsangeboten für kommunale Beschäftigte werden entscheidende Prozesse in Gang gebracht, die die Kommunen in die Lage versetzen sollen, die Entwicklung vor Ort langfristig mit eigenen Quartiersbegleiterinnen und –begleitern zu stabilisieren. Kommunen müssen über eine Projektförderung hinaus tragende Strukturen aufbauen können. Hier kommt der Bund ins Spiel. Zusätzliche zentrale Weichenstellungen zugunsten starker Kommunen in der Pflege sind auf Bundesebene nötig. Die Kommunen müssen tatsächlich Einfluss auf die Pflegestrukturen nehmen können und sie müssen für die erforderlichen Investitionen in zukunftsfähige Versorgungsstrukturen die Gelder nutzen können, die sich durch Prävention etwa im Bereich der Pflegeversicherung einsparen lassen. Hier muss der Bund die Kommunen durch entsprechende Rahmengesetzgebung handlungsfähig machen.

Können Sie jetzt schon sagen, in welche Richtung sich das Engagement des Landes bzw. ihres Hauses im Jahr 2017 und darüber hinaus entwickeln wird?

Steffens: Das Quartier bleibt auch in Zukunft die Ebene, wo Strukturen gestaltet, Kooperationen angeregt und nachbarschaftlicher Zusammenhalt gestiftet werden müssen. Denn die bereits dargestellten Herausforderungen bleiben unabhängig von Wahlperioden bestehen – natürlich wird es Änderungen und damit Anpassungsbedarf geben. Schon in diesem Jahr hat beispielsweise die Flüchtlingssituation die Strukturen und die Bedarfe der Quartiere in NRW verändert. Im Quartier entscheidet sich, ob das Miteinander gelingt oder scheitert. Daher muss das Engagement des Landes über 2017 hinaus sein, die Quartiersentwicklung weiter zu befördern.

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