Landesseniorenvertretung Nordrhein-Westfalen hinterfragt: Machen ältere Abgeordnete wirklich Politik für Senioren?

Eines der meist gehörten Argumente gegen die Errichtung einer Seniorenvertretung in der jeweils eigenen Kommune kennt Jürgen Jentsch, stellvertretender Vorsitzender der Landesseniorenvertretung Nordrhein-Westfalen (LSV NRW), aus unendlich vielen Diskussionen: „Wir brauchen keine spezielle Vertretung für Ältere, wir haben unter unseren Ratsmitgliedern genügend Lebenserfahrene, die die besonderen Bedürfnisse von Senioren im Blick haben“. Genau das allerdings bezweifelt die LSV und arbeitet seit nun 30 Jahren mit eigenen, schwer wiegenden Argumenten für die Einrichtung von politisch unabhängigen Seniorenvertretungen in jeder NRW-Kommune.

„Ist es denn nicht eigentlich so, dass man eher bemüht ist, sich vom Alter abzugrenzen?“, so hinterfragt Jentsch kritisch die Schlussfolgerung, Ältere in den Stadt- und Gemeinderäten machten schon deshalb Politik für die Senioren in ihrer Kommune, weil sie selbst dazugehörten. „Ratsmitglieder sind unabhängig von ihren Lebensaltern grundsätzlich den Interessen aller Menschen in der Kommune verpflichtet“, erinnert Jentsch daran, dass ein politisch neutraler Blick auf die Bedürfnisse der Senioren wohl nicht in den Ratsfraktionen zu finden sei. „Dass Franz Müntefering als neuer Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) solch eine öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, zeigt doch, welche Ausnahme er oder auch Bremens ehemaliger Bürgermeister Henning Scherf („Grau ist bunt“) bilden, die sich beide bewusst als Politiker für die Vertretung des Alters entschieden haben“. Ältere Politikerinnen und Politiker scheinen das Thema sonst eher zu meiden, weiß Jentsch als ehemaliger Landtagsabgeordneter durchaus, wovon er spricht.

Dagegen wollten Ältere, die sich in Seniorenvertretungen engagieren, ganz gezielt etwas aus dem Alter heraus für das Alter tun. „Sich mit dem Älterwerden und dessen Folgen auseinander zu setzen und sich für diese Lebensspanne stark zu machen, ist ein wichtiger Weg, den die Landesseniorenvertretung als Dachorganisation der kommunalen Seniorenvertretungen mit aller Kraft unterstützt“. Denn es gehe der LSV NRW um realistische Altersbilder. „,Alter‘ kann ein großes Spektrum umfassen, zu dem neben möglicher Vitalität und Fitness auch Pflegebedürftigkeit gehören kann“, sagt Jürgen Jentsch.  Seniorenvertretungen setzten sich für Menschen in allen Phasen des Alters ein und verstünden sich dabei selbstverständlich im Generationenverbund. „Die bewusste Parteinahme für Ältere, für Belange der Barrierefreiheit, der Mobilität oder der Selbstbestimmung kommt letztlich allen Menschen in der Gemeinde zugute“, kann Jentsch aus den Erfolgsbilanzen von oft seit Jahrzehnten agierenden Seniorenvertretungen belegen. „Und genau deshalb sollte wirklich keine Kommune auf das Engagement ihrer älteren Bürgerinnen und Bürger in einer aktiven Seniorenvertretung verzichten – auch, wenn es in ihrem Gemeinderat Politiker jenseits der 60 gibt“, stellt Jentsch selbstbewusst für die Landesseniorenvertretung fest.

Jürgen Jentsch
Stellv. Vorsitzender der Landesseniorenvertretung

Homepage der LSV NRW

Quelle: Pressemitteilung der Landesseniorenvertretung NRW
vom 15. Juni 2016

1 Gedanke zu “Landesseniorenvertretung Nordrhein-Westfalen hinterfragt: Machen ältere Abgeordnete wirklich Politik für Senioren?

  1. Die Forderung, dass sich Senioren für Senioren engagieren, um ihre praktischen Erfahrungen zum eigenen und Wohle der anderen einzusetzen wird nachvollziehbar in unserer ökonomisch beeinflussten Welt hinterfragt. Das sich ehemalige bekannte Politiker einsetzen ist nicht verwunderlich und wird hingenommen. Wer aber seine Rentnerzeit ehrenamtlich nach dem ordentlichen Berufsleben der Gesellschaft zur Verfügung stellt, ist nicht (stromlinienförmig) eingebunden, damit suspekt. Der eventuelle Störfaktor ist nach Möglichkeit auszuschalten. Frei gewählte Persönlichkeiten sind in der repräsentativen Demokratie mit Parteienprivileg nicht vorgesehen. Unter diesem Aspekt wurde das Gutachten für die SPD-Landtagsfraktion geschrieben. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den vorhandenen Spielarten der Seniorenbeiräte und freigewählten Seniorenvertretungen in NRW, wie z.B. in Düsseldorf oder Düren, wurde unterlassen. Demokratie kann nicht befördert werden, durch Ausgrenzung.

Schreibe einen Kommentar

schliessen