Neue Nachbarn willkommen heißen – Nachbarschaften für Flüchtlinge öffnen

Workshop 07 der Herbstakademie 2015

Mehr als vierzig Willkommensinitiativen in Köln seit 2013

In Köln sind in den letzten zwei Jahren ungefähr vierzig sogenannte Willkommensinitiativen entstanden, die eins gemeinsam haben: Sie wollen geflüchtete Menschen, die neu in ihrer Nachbarschaft leben, willkommen heißen und sie beim Einleben in ihr neues Umfeld unterstützen. Der Startschuss für die Initiativen ist

  • teilweise eine Reaktion von fremdenfeindlichen Protesten, die sich gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in der Nachbarschaft wenden,
  • teilweise ist es ein eher solidarisch geprägter Akt der Unterstützung für Nachbar/-innen in Not. Die Initiativen sind in den meisten Fällen selbstorganisiert und zeitgleich eingebunden in andere Angebote und hauptamtliche Strukturen vor Ort wie Bürgerzentren oder Kirchengemeinden.

Angebote des Forums für Willkommenskultur in Köln

Die Kölner Freiwilligen Agentur führt in Kooperation mit dem Kölner Flüchtlingsrat seit Anfang 2015 das „Forum für Willkommenskultur“ durch. Das Forum für Willkommenskultur versteht sich als Unterstützer der Kölner Willkommensinitiativen, will Anlaufstelle für Freiwillige in der Flüchtlingsarbeit sein sowie ihre Vernetzung und ihren Austausch fördern. Zudem setzt das Forum eigene Impulse, um die Willkommenskultur für Flüchtlinge weiterzuentwickeln und dadurch ihre Ressourcen und ihre gesellschaftliche Teilhabe zu stärken. So hat das Forum für Willkommenskultur in Kooperation mit dem Forum für Seniorenarbeit NRW im Frühjahr 2015 z.B. den Workshop „Herzlich Willkommen! с прие́здом!, Ahlan wa sahlan bikum!“ durchgeführt. Der Workshop zielte darauf ab, dass Vertreter/-innen von Willkommensinitiativen kreative Methoden der (nichtsprachlichen) Kontaktaufnahme in der Nachbarschaft entwickeln.

Aufbauend auf diesen Willkommens-Workshop haben Annette Scholl, Forum für Seniorenarbeit NRW und Gabi Klein, Forum für Willkommenskultur den Workshop „Nachbarschaften für Flüchtlinge öffnen“ auf der 4. Herbstakademie durchgeführt. Unterstützt wurden sie von Zenagabriel Tekle von der Initiative HEBRET.

Begrüßungsrituale in Deutschland und Eritrea

Der Workshop begann mit einer Begrüßungsrunde. Erlaubt war alles, was Spaß machte und Verwirrung stiftete. So wurden Küsschen rechts, links, rechts getauscht, Hände geschüttelt und Schulter gestoßen. Der Einstieg verdeutlichte, dass es nicht die eine Form der Begrüßung gibt, sondern viele verschiedene, die alle ihre Berechtigung haben. Damit wurde zur großen Frage übergeleitet, die in dem Workshop „Herzlich willkommen!“ immer wieder geäußert wurde: „Wie funktioniert interkulturelles Leben?“ Schnell wurde deutlich: es gibt keine Patentrezepte, weder für die Begrüßung noch für sonstige Kontakte im (interkulturellen) Rahmen. Aber wenn beide Seiten offen, neugierig und mit positiven Erwartungen an den Kontakt herangehen, können Irritationen durch Fragen und Ansprechen behoben werden.

Freiwilligenarbeit in Willkommensinitiativen

Zum Einstieg beschrieb Gabi Klein die vielfältigen Aufgaben, die die Freiwilligen aus Willkommensinitiativen bewältigen. Sie bieten geflüchteten Menschen eine erste Hilfe beim Ankommen an, sei es durch Mentorenschaften, Begleitung zu Ämtern und Ärzten, Stadtspaziergänge oder mehrsprachigem Infomaterial. Das Einleben wird unterstützt durch z.B. Sprachförderung, Fahrradwerkstätten, interkulturelle Gärten, Schreibwerkstätten, Spielebusse, kostenlose Flohmarkt, Hilfe bei der Suche nach einem passenden Kindergarten oder nach einer sinnstiftenden Tätigkeit.

Neben der direkten Hilfe leisten die Initiativen vieles, was oft nicht gesehen wird. So nimmt die Information der Nachbar/-innen und die Diskussion mit Anwohner/-innen, die auf die Unterbringung von geflüchteten Menschen mit Sorge reagieren, teilweise viel Raum ein. Ebenso sind die Vernetzung mit anderen Initiativen und Organisationen vor Ort wie z.B. die Feuerwehr, Sportvereine, Karnevalsvereine wichtig, um eine breite Unterstützerbasis zu entwickeln und geflüchteten Menschen Zugänge zu den Regelangeboten zu verschaffen statt Parallelstrukturen aufzubauen.

Die ehrenamtliche Arbeit im Flüchtlingsbereich ist herausfordernd. Dies liegt zum einen in der aktuellen Situation begründet: In kurzer Zeit kommen viele geflüchtete Menschen in die Kommunen, die darauf nicht vorbereitet sind. Statt nachhaltiger Projekte werden oft Notlösungen entwickelt, die – wie z.B. durch Unterbringung in überfüllten Zelten – belastend für alle Beteiligten sind. Dazu kommt die Konfrontation mit den Themen Flucht, Traumatisierung, Ohnmacht oder Unsicherheit bezüglich des Aufenthaltes in Deutschland.

Die Willkommensinitiativen stehen zudem vor der Aufgabe, sich als Initiative zu finden und zu organisieren. In Köln gibt es unterschiedliche Unterstützungsformate wie z.B. die Energiestation oder regelmäßige Austauschtreffen, die das Forum für Willkommenskultur anbietet. Aber: Es ist und bleibt eine große Aufgabe, geflüchtete Menschen willkommen zu heißen. Nachbarschaftsarbeit mit ihren unterschiedlichen Facetten ist ein wichtiger Baustein dabei.

Vom Flüchtling zum Freiwilligen

Dies bestätigt auch Zenagabriel Tekle. Er flüchtete vor einigen Jahren aus Eritrea und lebt seit zwei Jahren in Köln. Zenagabriel Tekle beschreibt an einigen Beispielen, wie sehr ihn die Offenheit und das Interesse der Kölner/-innen unterstützt haben, um in Köln anzukommen. Inzwischen ist Zenagabriel Tekle selber als Freiwillige in der Initiative HEBRET aktiv. Hbret ist eine Initiative aus eritreischen Flüchtlingen und eritreisch-deutschen, auch ehemals Flüchtlinge, der sich gerade in der Gründungsphase befindet. Die Initiative ist aktiv im Bereich Bildung und möchte eine schnellere Einfindung in das hiesige Leben fördern. Sie sagen: Am besten geht es doch, wenn die Betroffenen selbst die Akteure sind und die Alteingesessenen lediglich unterstützend und beratend zur Seite stehen. Hbret ist tigrinisch und heißt wortwörtlich „Gemeinschaft“, rückwärts gelesen entsteht das Wort „Nutzen“ im Sinnen von Effektivität. Der Stamm des Wortes ist zugleich auch die Übersetzung für das Wort „FARBE“. Im übertragenen Sinne bedeutet es „Farbe bekennen“ bzw. „für etwas einstehen.

Prinzipien der Nachbarschaftsarbeit bieten Orientierung für Willkommensinitiativen

In der gemeinwesenorientierten Seniorenarbeit hat sich der Aufbau von Nachbarschafts-Projekten zu einem eigenständigen Ansatz entwickelt. Ausgehend von einem Verständnis von Nachbarschaft als Beziehungsgeflecht in der räumlichen Nähe?“ fördert Nachbarschaftsarbeit wohnortnahe Beziehungen durch freizeitorientierte, kulturelle und soziale Angebote, Aktivitäten und Infrastrukturen. Diese Angebote, Aktivitäten und Infrastrukturen können sowohl institutioneller (Kommunen, Wohlfahrtsverbänden, Gemeinden, Vereinen, Verbänden usw.) als auch informeller bzw. selbstorganisierter Art sein.

Zu den vier Bausteinen einer lebendigen Nachbarschaft gehören

  1. Kontakt und Begegnung,
  2. Soziale Netzwerke und Vernetzung,
  3. Bürgerschaftliches Engagement und Beteiligung und
  4. Unterstützung und Hilfe.

Diese vier Bausteine stellen gleichzeitig vier Arbeitsfelder dar, um eine lebendige Nachbarschaftsarbeit aufzubauen. Sie unterstreichen, dass nach heutigem Verständnis Lebendige Nachbarschaftsarbeit mehr ist als Nachbarschaftshilfe. Die einzelnen Bausteine stellen selbständige Arbeitsfelder dar und können im Sinne der zeitlichen Weiterentwicklung sich in allen vier Stufen (Kontakt, soziale Netzwerke, bürgerschaftliches Engagement und Unterstützung) ausbreiten.

  1. Kontakt und Begegnung

Dieser Baustein ist als der Grundbaustein bzw. das „Herzstück“ der lebendigen Nachbarschaftsarbeit anzusehen, auf dem die anderen Arbeitsfelder aufbauen. Kontakt und Begegnung ermöglicht, dass Menschen sich kennenlernen und Vertrauen gewinnen, um miteinander in Beziehungen und soziale Netzwerke aufzubauen, gemeinsame Freizeitaktivitäten zu unternehmen, sich zu engagieren und/oder um Unterstützung zuzulassen.

Mit dem Baustein „Kontakt und Begegnung“ werden wohnortnahe Beziehungen gefördert, indem bestehende Kontakte gepflegt und neue Kontakte im Alter ermöglicht und geknüpft werden können. Angebote wie ein gemeinsames Grillfest, ein Straßenfest, ein Frühstückstreff oder ein Mittagstisch sind gute Gelegenheiten Berührungsängste und Vorbehalte abzubauen und Kontakte zu vertiefen.

  1. Soziale Netzwerke und Vernetzung

Die Lebensqualität im Alter ist im Besonderen abhängig von der Einbindung in soziale Netze und Möglichkeit zur Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben. Im Alter kommt es häufig zu einem Rückgang von Kontakten. Wohnortnahe Beziehungen können zum Beispiel durch selbstorganisierte Gruppen, Genossenschaften und Tauschringe gefördert werden. Langfristig dient der Aufbau eines funktionierenden außerfamiliären Netzwerkes der sozialen Vorsorge.

Vernetzung vorhandener und neuer Aktivitäten in der Nachbarschaft ist ein wichtiger Baustein, damit vielfältige Angebote und Aktivitäten älteren und alten Menschen in der Nachbarschaft zur Verfügung stehen und sie so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben können.

  1. Bürgerschaftliches Engagement und Beteiligung

Nachbarschaften sind wichtige Orte für bürgerschaftliches Engagement und Beteiligung. Denn ältere und alte Menschen können konkret erleben, was ihr freiwilliges Engagement bewirkt und das sie Teil dieser Nachbarschaft sind. Für viele von ihnen ist es ein wichtiger Beweggrund eine Wohnumgebung zu schaffen, die nicht nur für sie selbst, sondern für alle Generationen lebenswert ist. So ist es nicht verwunderlich, dass sich zunehmend mehr ältere Menschen in der Gestaltung ihrer Nachbarschaft bzw. Wohnumgebung engagieren, sei es wenn es um die „Verschönerung“ von zentralen Plätzen geht oder um das Einrichten von „Begegnungsräumen“ für Jung und Alt geht. Eins ist sicher: Von gut funktionieren Nachbarschaften profitieren alle (Generationen) in der Nachbarschaft.

  1. Unterstützung und Hilfe

Im Sinne der Nachbarschaftsarbeit können wohnortnahe Beziehungen durch gegenseitige Unterstützung und Hilfe gefördert werden. Nachbarn sind im Unterstützungsnetzwerk älterer Menschen neben Familienangehörigen wichtig. Sie erledigen Einkäufe und sind für Notfälle da. Bevor aber Hilfe angenommen werden kann, sind das Kennenlernen und der Aufbau einer Vertrauensebene wichtig. Um gegenseitige Unterstützung vor allem bei häufiger bzw. regelmäßiger Hilfe ermöglichen zu können ist es wichtig, dem Aspekt „Nichts dem Nachbarn schuldig bleiben“ besondere Aufmerksamkeit zu schenken. So muss eine ausgeglichene Balance von Geben und Nehmen ermöglicht werden. Tauschwährungen wie bei Tauschringen oder Aufwandsentschädigungen bei Einkaufs- und Haushaltshilfen können hier weiterhelfen.

Mehr Informationen unter: nachbarschaft-heute.de/broschueren/ (siehe hier besonders die Publikation „Aller Anfang ist schwer?!“)

Herausforderungen beim Öffnen von Nachbarschaften für Flüchtlinge

In einer abschließenden Runde wurde in Kleingruppen darüber diskutiert, wie sich Nachbarschaften bzw. Nachbarschaftsprojekte für Flüchtlinge öffnen können und welche Herausforderungen dabei gesehen werden.

Die Diskussionen in kleiner Runde machten sehr deutlich, dass es einen besonders hohen Informations- und Austauschbedarf bezüglich der Thematik Flüchtlinge und Nachbarschaft/Quartier gibt. So war es vorrangiges Interesse der Teilnehmenden mehr darüber zu erfahren, welche Angebote es in den verschiedenen Kommunen NRWs gibt und welche Erfahrungen bereits gemacht wurden.

Positiv ist in jedem Fall die hohe Bereitschaft unterschiedlichster Menschen, sich in Sachen Flüchtlingen zu engagieren. Diese soziale Bewegung ist für viele sehr motivierend, dies in die übrige Freiwilligenarbeit zu übertragen.

In dieser Runde wurde erneut betont, dass die ehrenamtliche Arbeit im Flüchtlingsbereich sehr herausfordernd ist. Hier sind vor allem Selbstengagement, Geduld, Zurechtkommen mit unklaren Situationen als wichtige Kompetenzen zu nennen. So ist es im Interesse aller darauf hinzuwirken, dass trotz aller zeitlicher Dichte und Unterstützungsbedarfe die persönlichen Grenzen zu wahren sind.

Gabi Klein, Kölner Freiwilligenangentur
Zenagabriel Teklek, Initiative Hbret
Annette Scholl, Forum Seniorenarbeit NRW/Kuratorium Deutsche Altershilfe

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Daniel Hoffmann

Seit 1995 Mitarbeiter im Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln. Projektleiter des Forum Seniorenarbeit NRW und verantwortlich für den Themenschwerpunkt "Engagement älterer Menschen in der digitalen Gesellschaft".
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