Es benötigt ein Dorf, um im Alter zu Hause zu leben – Zeitbank Westerstede e.V.

„In einem afrikanischen Sprichwort heißt es: ‚Es benötigt ein Dorf, um einen Kind großzuziehen’. Unsere Ergänzung: Es benötigt ein Dorf, um im Alter zu Hause zu leben.“ beschreibt Martina Steguweit-Behrenbeck ihre Vision, wie die Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft durch solidarisches Engagement gelöst werden können. Eine Maßnahme zur Zielerreichung ist die Zeitbank Westerstede e.V., die im Jahr 2013 gegründet wird.

Die Initiative zur Zeitbank Westerstede ging vom Verein „Daheim statt Heim“ aus, den Martina Steguweit-Behrenbeck im Jahr 2011 gründete. Leitsatz war damals wie heute: „Bringen wir die Pflege zu den Menschen und nicht die Menschen zur Pflege“. Das Besondere an der Zeitbank Westerstede sind die weiträumige Wirkungsfläche, eine streng hierarchische, nach betriebswirtschaftlichen Grundzügen aufgebauten Organisation und der Gedanke der Solidarität – die Mitglieder erhalten Unterstützung, auch wenn ihr Stundenkonto leer ist.

Martina Steguweit-Behrenbeck zieht ihre Motivation aus ihren Erfahrungen als Vorsitzende des Sozialausschuss Westerstede: „Mich hat immer geärgert, dass der Begriff der Demographie in der kommunalen Politik ein seltsam abstraktes Teil geblieben ist. Alle redeten darüber, aber es gab nichts Konkretes. Durch Zufall bin ich auf die Bundesinitiative Daheim statt Heim e.V. gestoßen und habe mich mit der Vorsitzenden und Bundestagsabgeordneten Silvia Schmidt getroffen. Daraufhin habe ich die erste Ortsgruppe Daheim statt Heim gegründet. Mit großem Erfolg: Ich habe viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter gefunden, viele aus der Politik, den Kirchen und aus den Wohlfahrtsverbänden.“ Auf der Suche nach einer praktikablen Lösung wurden unterschiedliche Modelle angedacht, unter anderem war das Bielfelder Modell im Gespräch. Deutlich wurde aber, dass sich Modelle aus verdichteten Räumen nicht auf einen Flächenstadt übertragen lassen. Angelehnt an ein betriebswirtschaftliches Modell, der Tensor-Matrix, wurde daher das Westersteder Zeitbankmodell entwickelt, das auf die soziologischen und regionalen Unterschiede der einzelnen Dörfer in der Flächenstadt Westerstede eingeht und trotz der Überalterung und Homogenität der Bevölkerung eine langfristige Wirkung zeigen soll.

Regionale Besonderheiten

Die Nachbarschaft in Westerstede ist homogen: Einfamilienhäuser mit großen Gärten sind der Standard, die Bewohner/-innen sind fast zeitgleich eingezogen und gemeinsam alt geworden. Die Mehrheit ist inzwischen um die 70 Jahre alt, die nachfolgenden Generationen ziehen in die Stadt. Zudem ist Westerstede geprägt von einer großen Ausbreitung.

Daher begrenzt die Zeitbank Westerstede – im Gegensatz zu vielen anderen Tauschprojekten – ihre Vermittlungsleistungen nicht auf eine Nachbarschaft oder ein Quartier. Neben den regionalen Erfordernissen hat Martina Steguweit-Behrenbeck ein weiteres Argument für ein geographisch weitflächiges Unterstützungsnetz. Sie sieht die Gefahr, dass ein Netzwerk, das auf wenigen Mitgliedern basiert, zusammenbricht, wenn z.B. ein besonders aktives Mitglied ausfällt. „Wir müssen unsere Leute auch vor Überforderung schützen“ beschreibt sie, „Natürlich ist es schön, seiner kranken Nachbarin beim Schneerschippen zu helfen, wenn man Zeit hat. Aber wie sieht es aus, wenn man eigentlich einen Urlaub gebucht hat? In einer Familie stellt man seine eigenen Bedürfnisse aufgrund der Nähe oder auch der moralischen Verpflichtung hinten an. Dies soll und kann sich aber nicht bei einer Zeitbank wiederholen.“

Hürden in den Köpfen

„Wir schaffen es, eine bemannte Raumstation um die Erde zu schicken und per shuttle zu versorgen. Trotz dieser enormen technischen Leistung können sich viele nicht vorstellen, dass wir eine Infrastruktur aufbauen, die Altenheime überflüssig macht“ beschreibt Steguweit-Behrenbeck die ängstlichen Reaktionen vieler Gesprächspartner. Sie möchte bei ihrem Gegenüber das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wieder herstellen und den Menschen den Mut geben, neue Wege auszuprobieren. „Was haben wir zu verlieren? Wenn wir nichts erreichen, sind wir wieder an dem gleichen Punkt wie vorher auch. Warum es denn nicht dann versuchen?“ so Steguweit-Behrenbeck. Nach ihrer Beobachtung sind es insbesondere ältere Menschen, die sich davon überzeugen lassen, jüngere sind oft zurückhaltender. Bei Menschen zwischen dem 50zigsten und 60zigsten Lebensjahr beobachtet sie oft auch eine Vermeidung des Themas Pflege, da sie eine mögliche Pflegebedürftigkeit der Eltern am liebsten verdrängen.

Organisation der Zeitbank Westerstede

Die Zeitbank Westerstede strebt an, größtenteils durch das ehrenamtliche Engagement seiner Mitglieder betrieben zu werden. Als koordinierende, hauptamtliche Unterstützung ist das Sozialdezernat Westerstede tätig, das auch in den Gremien der Zeitbank stark mitwirkt, so ist z.B. der Beirat mit den Abteilungsleiter/-innen des Sozialdezernates besetzt. Die Einbindung der Kommune wird angestrebt, da die Zeitbank nach Ansicht der Initiator/-innen so langfristig funktioniert und damit Sicherheit schafft. Zudem soll durch die Einbindung von städtischen Gremien eine Kontrolle und damit ein Vertrauensvorschuss bei den potenziellen Mitgliedern sichergestellt werden.

Die Organisation der Zeitbank ist laut Steguweit-Behrenbeck streng hierarchich organisiert: Über Zielvereinbarungen mit den Ehrenamtlichen und dem zugesicherten Gewinn bei einem solidarischen Einsatz wird eine hohe Verbindlichkeit erreicht.

Solidargemeinschaft

„Wir können uns nicht verabschieden, wenn jemand im Sterben liegt und sein Zeitkonto erschöpft ist“ beschreibt Steguweit-Behrenbeck den solidarischen Gedanken der Zeitbank Westerstede. Alle Mitglieder müssen sich mindestens 30 Stunden im Jahr engagieren und zwei Euro monatlich an Mitgliedsbeitrag bezahlen. Angestrebt wird die Mitgliedschaft von einem Viertel der Westersteder Bürgerinnen und Bürger, also ca. 5000 Personen. Von den so ereichten Mitgliedsbeiträgen in Höhe von 60.000 Euro pro Jahr kann die Zeitbank Dienstleistungen einkaufen, die nicht durch das Engagement der Mitglieder abgedeckt werden können.

Institutionalisierung der Zivilgesellschaft

Anfangs als Hilfe bei Pflegebedürftigkeit angedacht, ist die Zeitbank über zwei Jahre Ideenentwicklung und Planung laut Steguweit-Behrenbeck zu einem ‚Organigramm der Zivilgesellschaft’ geworden, in dem wechselseitige Hilfe organisiert und institutionalisiert wird. Die Westersteder Zeitbank hat dabei ein hohes Ideal: Sie möchte die unterschiedlichen Interessensgruppen, Organisationen und Bürgerinnen und Bürger der Zivilgesellschaft unter einem Dach versammeln und so alle Maßnahmen wie Tauschbörsen, Aufbau einer Infrastruktur, das Einbinden von Ehrenamtlichen koordinieren und aufeinander abstimmen. Die Zeitbank wird dabei von dem Bedarf der Gesellschaft gesteuert, indem sie aus dem vorhandenen Markt die passenden Angebote herausfiltert.

Als Wettbewerber zu den Wohlfahrtsverbänden sieht Steguweit-Behrenbeck die Zeitbank nicht, da sie nicht wirtschaftlich orientiert ist und nur dann eigene Angebote entwickelt, wenn der Markt diese nicht bereithält. Idealerweise könnten sich die Wohlfahrtsverbände und Vereine als Mitglieder in der Zeitbank organisieren. Die Rolle des Staates sieht Steguweit-Behrenbeck in einer moderierenden Funktion, der die Kräfte der unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteure bündelt und gemeinsam an der Lösung gesellschaftlicher Probleme wirkt.

Ausblick

Martina Steguweit- Behrenbeck sieht große Chancen in dem Modell, dass die Zeitbank Westerstede entwickelt hat. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass mit Unterstützung des Bundes in fünf Projektregionen in der Bundesrepublik, die sich durch unterschiedliche Standorte – Nord, Süd, Ost, West – sowie städtische und ländliche Strukturen auszeichnen, ausprobiert wird, ob und unter welchen Bedingungen sich dieses Modell als tragfähig erweist. Im Rahmen von Modellprojekten hofft Frau Steguweit-Behrenbeck auch darauf, dass rechtliche Beschränkungen und Hürden, die die Arbeit der Zeitbank erschweren, zumindest vorübergehend aufgehoben werden.

Das Gespräch führte Gabi Klein, Forum Seniorenarbeit NRW, im Mai 2013

Kontakt:

Martina Steguweit-Behrenbeck
1. Vorsitzende „Daheim statt Heim in Westerstede
Wilhelm – Geiler- Strasse 10
26655 Westerstede
Telefon: 04488-8491-12
daheim-statt-heim-wst@web.de

www.daheim-statt-heim-wst.de/Die-Zeitbank.html

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