Veranstaltungsdokumentation BÜRGER BRAUCHT KOMMUNE BRAUCHT BÜRGER

„Gemeinsam für den Erhalt von Lebensqualität bis ins hohe Alter“ – so lautete das Motto der ersten Fachtagung, die das Landesbüro NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung und die ZWAR (Zwischen Arbeit und Ruhestand) Zentralstelle NRW am 17. März 2015 gemeinsam ausrichteten. Rund 70 engagierte Personen aus Bürgerschaft, Kommunalverwaltung, Kommunal- und Landespolitik sowie verschiedenen Interessensgruppen, die sich für die aktive Mitgestaltung von Menschen im Alter 55+ einsetzen, folgten der Einladung in den Wissenschaftspark Gelsenkirchen.

Nach der Begrüßung durch die Gastgeber Martin Weinert (FES) und Christian Adams (ZWAR Zentralstelle NRW), leitete Markus Töns, MdL (SPD) als Vertreter des Landtags Nordrhein-Westfalen die Veranstaltung ein. Er wies in seinem Grußwort „Die Bedeutung politischer Partizipation für die Entwicklung der Kommunen“ auf das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Bürgerschaft, Verwaltung und Politik hin. „Ohne die frühzeitige Einbeziehung und den Dialog mit allen Beteiligten, lässt sich ein Strukturwandel nicht umsetzen.“, sagte er und traf damit auf einen breiten Konsens, wie sich in den späteren Tischgesprächen zeigte. Kritisch hinterfragte er die Legitimation von Bürgerentscheiden, wenn sich nur eine Minderheit der Bürger_innen beteiligt. Dies geschah jüngst in Oberhausen, wo man sich gegen den Ausbau der Straßenbahnlinie 105 ausgesprochen hatte.

Masterplan Altersgerechte Quartiere
Dass Selbstbestimmung bis ins hohe Alter den Menschen immer wichtiger werde, betonte Markus Leßmann, Abteilungsleiter im Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen in seiner Einleitung zu dem Thema „Altersgerechte Quartiersentwicklung in Nordrhein-Westfalen“. Diese Thematik sollte in den folgenden Stunden leidenschaftlich im Wissenschaftspark diskutiert werden.  Während im Jahr 2012 noch 2,6 Millionen Menschen in NRW älter als 65 waren, werden es im Jahr 2050 voraussichtlich schon 4,9 Millionen sein, also fast doppelt so viele „65Plusser“ – die Zahl der Erwerbstätigen wird gleichzeitig dramatisch abnehmen. Ziel müsse es daher sein, die Versorgungsqualität im Alter und die Lebensqualität aller Altersgruppen so hoch wie möglich zu halten. Für die Umsetzung sieht Leßmann die Kommunen in der Verantwortung – allerdings unter Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger, die als Experten in eigener Sache unverzichtbar bei der Gestaltung ihres eigenen Umfelds seien. Der „Masterplan altengerechte Quartiere.NRW“ des Landes NRW soll Kommunen dazu anhalten, sich untereinander auszutauschen. Seit diesem Jahr fördert das Land die altengerechte Entwicklung eines Quartiers je Kreis/kreisfreier Stadt mit bis zu 40.000 Euro im Jahr.

Gemeinsam für die Verbesserung der Lebensqualität bis ins hohe Alter – so kann es gehen!
Aus Gelsenkirchen, Bochum, Hilden, Unna und Amsterdam brachten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum Thema „Gemeinsam für die Verbesserung der Lebensqualität bis ins hohe Alter – so kann es gehen!“ ganz unterschiedliche Beispiele für Bürgerbeteiligung im kommunalen Umfeld mit.

Gelsenkirchen
Frank Baranowski, Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen, stellte neben einem „Seniorenmasterplan“ und dessen Umsetzung im Generationennetz Gelsenkirchen e.V. das Projekt QuartiersNETZ seiner Stadt vor. Damit will die Stadt engagierte ältere Bürgerinnen und Bürger sowie Partner aus Forschung und Dienstleistung zusammenbringen, um gemeinsam ein zukunftsweisendes Konzept für die Gestaltung des demographischen Wandels im Ruhrgebiet zu erarbeiten. Durch eine verstärkte Teilhabe Älterer und die intensive Vernetzung der Akteure in ausgewählten Wohnquartieren soll für die Bürgerinnen und Bürger ein solidarisches und selbstbestimmtes Leben im Alter erreicht werden.

Bochum
Britta Anger, Sozialdezernentin in Bochum, stellte die Seniorenbüros ihrer Stadt vor, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Möglichkeiten der Begegnung für Seniorinnen und Senioren zu schaffen. Durch Kooperation und Vernetzung soll  lokalen Akteuren in den Stadtteilen dieser Rahmen geboten werden, der die Bürgerschaft ein-lädt, mitgestaltend die Lebensqualität bis ins hohe Alter zu stärken. Dabei wies sie darauf hin, dass bürgerschaftliches Engagement in verschiedenen Vierteln einer Stadt völlig unterschiedlich ablaufen könne bzw. je nach Situation vor Ort unterschiedlich ablaufen müsse, um erfolgreich zu sein.

Hilden
Auch in der Stadt Hilden ist bürgerschaftliches Engagement besonders erwünscht. Laut einer Studie von Prof. Meyer-Wolters von der Universität Köln sei sie gar die „Stadt der Glückseligen“ wenn es um Bürgerbeteiligung gehe, so Reinhard Gatzke, Beigeordneter der Stadt Hilden. Die Frage, wie bürgerschaftliches Engagement am besten durchgeführt werden könne, hat die Stadt bereits gemeinsam mit allen Akteuren behandelt und darauf aufbauend einen entsprechenden Handlungsplan erstellt. Die Umgestaltung klassischer Senioren-einrichtungen in „Zentren der Begegnung in der Nachbarschaft“, gleichwohl als Anlaufstelle für ältere Menschen und ihre Angehörigen im Quartier, ist eines der hehren Ziele, die Bürgerinnen und Bürger in Hilden gemeinsam mit der Verwaltung erreichen wollen.

Unna
Den Demographieprozess aktiv mitgestalten, will auch eine Vielzahl älterer Bürgerinnen und Bürger der Kreisstadt Unna. Im „Forum Generationen Unna“ haben sich Freiwillige zusammengetan, um aktiv an der Gestaltung der Zukunft in ihrer Stadt mitzuwirken und nicht zuletzt wertvolles Know-how einzubringen, erklärte Dr. Arthur Frischkopf. Frischkopf gehört der wachsenden Gruppe von „Unruheständlern“ bereits seit ihrer Gründung vor acht Jahren an. In einem partnerschaftlichen Prozess haben bürgerschaftlich Engagierte, Politik und Verwaltung der Stadt Unna bereits Handlungsfelder definiert, die es zukünftig gemeinsam umzusetzen gilt.

Amsterdam
Eine besondere Haltung zum Thema Bürgerbeteiligung präsentierte Frank van Erkel für die Stadt Amsterdam (Niederlande). In Amsterdam habe man Handlungsbedarf gesehen, da die Kluft zwischen Politik und Entwicklung der Gesellschaft immer größer geworden sei.

Um diese Lücke zu schließen hat man sich in der Stadtverwaltung ein Beispiel aus der freien Wirtschaft zum Vorbild genommen. Entscheidend sei dabei die Entwicklung weg von hierarchischen Top-Down-Strukturen zu einer netzwerkenden Gesellschaft gewesen. Entgegen des früheren Systems, dass sich Bürgerbeteiligung nur auf Pläne aus der Politik bezog, ist  das „Amsterdamer System“ heute evaluierter. Der maßgebliche Unterschied in Amsterdam sei heute, dass Beteiligungsprozesse seitens der Bürgerschaft nun über Umsetzung deren eigener Pläne bewerkstelligt werden können. Der Name für die Beteiligungskampagne in Amsterdam „I amsterdam“ spricht dabei für sich.

Tischkonferenz
Höhepunkt des Nachmittags im Wissenschaftspark waren die Tischkonferenzen, bei denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgefordert waren, unter dem Motto „1 Tisch, 3 Fragen, gute Antworten“ in  Kleingruppen vorbereitete Fragen zum Thema Bürgerbeteiligung zu diskutieren.

„Welche Mitgestaltungsmöglichkeiten haben Bürgerinnen und Bürger in Ihrer Kommune?“ lautete die erste Frage, die an allen Tischen leidenschaftlich diskutiert wurde. Zusammenfassend kristallisierte sich im Ergebnis heraus, dass bürgerschaftliches Engagement ein extrem anlassbezogenes Thema ist; Engagement und Beteiligung stark von den Strukturen vor Ort abhängen und bei Weitem nicht in allen Kommunen gleich funktionieren. Vorhandene Strukturen zur Beteiligung werden zudem nicht immer in vollem Maße genutzt.

Bei der Frage „Was braucht es, damit Bürgerinnen und Bürger in Ihrer Kommune wirkungsvoll mitgestalten können?“ stand an den verschiedenen Tischen das Thema Kommunikation klar im Mittelpunkt. Offene Kommunikationsstrukturen und Transparenz seitens der Verwaltung – aber auch seitens der engagierten Bürgerinnen und Bürger selbst – gelten als sehr wichtig, wenn nicht sogar ausschlaggebend für eine funktionierende Beteiligungsstruktur.

Als entscheidend stellten die Diskutanten zudem das rechtzeitige Einbeziehen und Informieren von Bürgerinnen und Bürgern heraus, um überhaupt eine Chance zur Beteiligung an bestimmten Themen zu schaffen.

Um Information drehte sich auch die Kernantwort auf die dritte Frage: „Welche konkreten Schritte können Sie tun, damit Bürgerinnen und Bürger in Ihrer Kommune wirkungsvoll mitgestalten können?“. Um Bürgerinnen und Bürger für die Mitgestaltung ihres kommunalen Umfeldes zu gewinnen, muss die Kommune sie über bestehende Netzwerke informieren, ggf. Best Practice-Beispiele kommunizieren und Wege aufzeigen, über die Interessierte sich beteiligen können. Zudem sieht man es als Aufgabe der Verwaltung an, die Interessen der Bürgerschaft zu identifizieren, um gemeinsam daran arbeiten zu können. 

Abschlusspodium
Beim Abschlusspodium, das Torsten Bölting vom Landesbüro „altengerechte Quartiere.NRW“ und Gaby Schnell als Vorsitzende der Landesseniorenvertretung NRW gemeinsam mit ZWAR-Geschäftsführer Christian Adams bildeten, wurde noch mal deutlich: Bürgerbeteiligung funktioniert nur, wenn Institutionen und Personen gemeinsam an einem Strang ziehen! Und auf das Wissen der Generation 55+ kann dabei nicht verzichtet werden! Mit dem Ziel, Menschen zusammen und ins Gespräch zu bringen, leisten die ZWAR-Netzwerke dabei eine wichtige Aufgabe.

Text: Vera Verhey; Redaktion: Christine Sendes (ZWAR) und Martin Weinert (FES); Fotos: Friedrich-Ebert-Stiftung

Links zum Thema:

Homepage Zwar

Homepage altengerechte Quartiere NRW

Homepage Forum Gerneationen Unna

Homepage Seniorenbüros Bochum

Homepage Quartiersnetz Gelsenkirchen

 

 

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