Engagement Älterer – Nach dem Arbeitsleben noch was tun. Eine Chance oder (auch) eine Gefahr?

Um für beide Seiten gewinnbringend zusammen zu arbeiten, benötigen hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeitende Wissen darüber, wer „Die Älteren“ sind, wie sie „ticken“, in welchen Engagementfeldern sie sich besonders stark engagieren bzw. engagieren möchten und welche Formen der Anerkennung sie wünschen. Ziel des Workshops war es, die Hauptamtlichen für die Belange der älteren Ehrenamtlichen zu sensibilisieren und den besonderen Reiz an der Kooperation mit älteren Freiwilligen hervorzuheben. Es sollte aufgezeigt werden, wie viel soziales Kapital durch das Engagement Älterer geweckt werden kann.

Die Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen NRW (lagfa NRW)

Die lagfa NRW hat sich 2004 gegründet: Sie ist ein Zusammenschluss von inzwischen 75 Ehrenamtsagenturen aus NRW; insgesamt sind derzeit landesweit 128 Agenturen erfasst. Damit ist die lagfa NRW im bundesweiten Vergleich am stärksten aufgestellt.

Die lagfa NRW unterstützt und vernetzt die Freiwilligenagenturen und setzt sich für die Positionierung von Freiwilligenagenturen als fester Bestandteil einer bürgernahen und engagementfreundlichen Infrastruktur sowie für die dauerhafte Förderung von Freiwilligenagenturen ein. Die lagfa NRW trägt durch ihre Lobbyarbeit dazu bei, das bürgerschaftliche Engagement in NRW zu stärken und die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements sichtbar zu machen.

Die Freiwilligenagenturen in NRW haben viele unterschiedliche Strukturen: ca. ein Drittel der Agenturen sind in der Kommunalverwaltung eingegliedert, ein weiteres Drittel befindet sich in Trägerschaft von Wohlfahrtsorganisationen und ein Drittel sind eigenständige Vereine. Da die Freiwilligenagenturen in vielen Kommunen (noch) nicht so präsent sind, wird auf die Internetseite www.lagfa-nrw.de hingewiesen; hier findet man in einem Verzeichnis mit Kontaktdaten alle Agenturen in NRW.

Folgende Grundgedanken wurden herausgestellt:

  • Es gibt in jeder Kommune viele Menschen jeden Alters, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, jedoch noch kein geeignetes Betätigungsfeld für sich gefunden haben.
  • Es gibt viele Vereine, Verbände, Kirchengemeinden und weitere Organisationen, die auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen sind.
  • Es gibt Menschen, deren ehrenamtliches Potential erst noch geweckt werden kann.

Somit haben die Freiwilligenagenturen sich folgende Arbeitsschwerpunkte gesetzt:

  1. Vermittlung engagierter Bürger/-innen in Organisationen, die freiwilliges Engagement suchen bzw. darauf angewiesen sind.
  2. Qualifizierung von Ehrenamtlichen.
  3. Förderung eines Klimas zur Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements in ihrer Stadt durch Projekte.

Freiwilligenagenturen und ältere Freiwillige

Landläufig ist das Bild vom älteren Menschen immer noch mit „Altern, Krankheit und Gebrechlichkeit“ verbunden! Aber in den Freiwilligenagenturen wird häufig die Erfahrung gemacht, dass immer mehr ältere Menschen sich als aktive Bürger für die Gesellschaft engagieren wollen, wobei gerade die jungen Alten aktiv und leistungsbereit sind. Laut INSA-Studie fühlen sich zwei Drittel der über 70-Jährigen (von 3.000 Befragten) 10 bis 20 Jahre jünger. Im durchschnittlichen Vergleich sind ca. 30 % der engagementwilligen Menschen, die in den Freiwilligenagenturen nach einem Ehrenamt nachfragen, über 60 Jahre alt.

Schon immer haben ältere Menschen zum Gelingen des gesellschaftlichen Zusammenlebens beigetragen, bisher traditionell bis weit ins 80. Lebensjahr durch die Unterstützung bei der Betreuung der Enkelgeneration, in Vereinen und Initiativen sowie bei der Weitergabe des kulturellen Erbes.

Die heutige Generation der Älteren hat im Laufe des Lebens durch Ausbildung und berufliche Tätigkeiten viele unverzichtbare Erfahrungen gewonnen. Und sie haben aktuell mehr freie Zeitressourcen, da sie gesünder leben und ein längeres Lebensalter erwarten, weniger Kinder und Enkel haben usw.

Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf das Wissen und die Erfahrungen Älterer zu verzichten, denn der demographische Wandel führt tendenziell zu weniger Engagementpotenzial. Ältere Menschen haben einen messbaren Gewinn bei Engagementeinsatz: Bei Auseinandersetzungen mit neuen Anforderungen bleiben Kreativität und Innovationsfähigkeit bis ins hohe Alter erhalten.

An einem Ehrenamt interessierte Ältere erwarten heutzutage gemessen an ihrem beruflichen Status häufig qualifizierte und ansprechende ehrenamtliche Tätigkeiten. Sie lassen sich nicht mehr darauf ein, mal in einen Verein zu gehen, um „irgendetwas“ zu machen. Im Gegenteil erwarten sie ein klares Aufgabenprofil mit einer zeitlich begrenzten Tätigkeit, um sich auszuprobieren und zu entscheiden, ob sie im für sie richtigen Ehrenamt angekommen sind.

Die Workshopteilnehmer/-innen kamen darin überein, dass künftig in den Kommunen immer mehr Ältere leben werden, die aufgrund ihres jungen Alters und ihres Gesundheitszustandes nicht an einem Rückzug aus der Gesellschaft interessiert sind. Ziel muss es sein, die vielfältigen Kompetenzen Älterer dauerhaft und unter professioneller Begleitung einzubeziehen.

Nicht über, sondern mit älteren Menschen reden und handeln

Es wird gerne über die Zielgruppe gesprochen, aber weniger mit ihr und noch weniger wird sie aktiv in den Gestaltungsprozess mit eingebunden. Hier ist ein Umdenken nötig, denn es gibt ein großes Potenzial an Menschen, die mitmachen könnten. Geht man als frischgebackener Rentner erstmals werktags morgens freudig in die Sauna, dann ist man überrascht – man ist nicht der Einzige in dieser Altersgruppe und findet fast keinen freien Spind mehr.

Wir benötigen vielfältige Konzepte für vielfältige Menschen

Ziel muss es sein, die vielfältigen Kompetenzen Älterer nachhaltig einzubeziehen. Damit das gelingt, muss bedacht werden, dass es nicht die eine Lösung für die gesamte Lebensphase jenseits der 60 geben kann. Sowohl körperlicher Zustand wie auch das soziale Umfeld und die persönlichen Neigungen sind zu bedenken. Senior/-innen wollen in ihrer Vielfalt beachtet werden.

Konzepte müssen vielfältig sein: Politische Beteiligung, Unterstützung Bedürftiger, Bildung und Freizeit sind dabei wichtige Schwerpunkte. Wichtig ist zudem ein frühzeitiges Erreichen der Menschen, am besten bereits in der Phase zwischen Arbeit und Ruhestand. Geeignete Maßnahmen müssen Eigenaktivitäten stärken.

Ehrenamt im Vereinsvorstand

In NRW sind rund 115.000 gemeinnützige Vereine im Vereinsregister verzeichnet, davon alleine ca. 90.000 im Bereich Sport. Viele Vereine haben heute zunehmend Schwierigkeiten bei der Besetzung ehrenamtlicher Vorstandsämter.

Die Gründe liegen unter anderem in

  • der stetig wachsenden Verantwortungsbürde,
  • dem hohen Arbeitsaufwand und dem großen Haftungsrisiko von Vereinsvorständen,
  • dem insgesamt negativen Image der Vorstandsarbeit,
  • einem oft wenig professionellen Management der Vorstandsarbeit
    mangelnder Beachtung einer systematischen Personalentwicklung für Vereinsvorstände.

Es werden derzeit in unterschiedlichen Handlungsfeldern Konzepte entwickelt, wie Menschen in der zweiten Lebenshälfte für eine Funktionärsarbeit in einem Verein gewonnen werden kann. So sieht z.B. ein Konzept vor, Menschen in der Vorruhestandsphase über das Unternehmen zu erreichen, um sie mit ihrem fachlichen Wissen als Mentor für einen Verein zu gewinnen, dem es im Vorstand an einer geeigneten Person mangelt.

Altruismus

Die Denk- und Handlungsweise ist nicht mehr altruistisch – Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit stehen dabei nicht mehr im Vordergrund. Die Älteren erwarten schon einen für sie persönlichen „Lohn“. Ein Grund kann sein, die Einsamkeitsfalle zu vermeiden. Sie erwarten Chancen, ihre Lebensqualität zu erhöhen und für ihr Engagement eine Wertschätzung zu erfahren.

Anerkennungskultur

Bürgerschaftliches Engagement verdient Anerkennung und Würdigung. Die Ehrenamtskarte NRW ist z.B. ein Ausdruck der Wertschätzung für den großen ehrenamtlichen Einsatz der Bürgerinnen und Bürgern und verbindet diese Würdigung mit einem praktischen Nutzen. Menschen, die sich in besonderem zeitlichem Umfang für das Gemeinwohl engagieren, können mit der Karte die Angebote öffentlicher, gemeinnütziger und privater Einrichtungen vergünstigt nutzen.

Beispiel aus Gelsenkirchen:

Erste Ausgabe der Ehrenamtskarte am 07.07.2011

Bis zum 30.08.2014 ausgegebene Karten : 640

  • davon an Engagierte im Kulturbereich: 48
  • zwischen 45 und 65 Jahre: 257
  • ab 65 Jahre: 195
  • erarbeitete Gesamtstundenzahl: 576 050
  • bei einem Stundenlohn von 8,50€ ergeben sich: 4.896.425,00 €

In NRW nehmen inzwischen über 200 Kommunen teil. Es wurden bisher NRW-weit rund 20.000 Ehrenamtskarten ausgegeben.

Mitwirkende am Workshop:

Moderation:

Hermann Handke, Zentrum für gute Taten in Wuppertal und Mitglied im Planungsteam des lagfa NRW

Impuls:

Johannes Mehlmann, Geschäftsführer der Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen e.V. und Sprecher der lagfa NRW

Zum Autor:

Johannes Mehlmann ist Diplom-Verwaltungswirt und arbeitet seit 2007 als Geschäftsführer der Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen e.V. Vorher hat er im sozialen Stadtgebiet Gelsenkirchen-Bismarck/Schalke-Nord, in dem er selbst auch wohnt, das Stadtteilbüro geleitet. Aus dieser Funktion heraus hat er 1996 eine Stadtteilinitiative gegründet und im Jahr 2000 zu einem eingetragenen Bürgerverein geführt, der sich um das friedvolle Zusammenleben und die positive Stadtteilentwicklung engagiert. Seit 2011 ist er Sprecher der lagfa NRW.

Kontakt:

Ehrenamtsagentur Gelsenkirchen e.V.
Neumarkt 1
45879 Gelsenkirchen
Telefon: 0209-169 3335
Ehrenamtsagentur@Gelsenkirchen.de

www.ehrenamt.gelsenkirchen.de

 


Dieser Beitrag ist Teil der Serie:
Dokumentation 3. Herbstakademie 2014

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