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Was schützt vor Altersdiskriminierung?

Ressourcenorientierte Sichtweisen zur Altersdiskriminierung

von Christian Carls, Forum Seniorenarbeit, Diakonisches Werk Rheinland


Ko-Produktion von Diskriminierungen

Der Begriff „Altersdiskriminierung“ wird flexibel verwendet. Definitionen nennen oft Benachteiligungen (allein) aufgrund des kalendarischen Alters. In Beispielen, die in den Diskussionen dazu angeführt werden, geht es aber nicht immer nur um Diskriminierungen, die allein vom Lebensalter abhängen. Dazu gehören Diskriminierungserlebnisse im Alltag Älterer, bei denen die „Täter“ das Alter ihrer „Opfer“ nicht kennen können und sich möglicherweise auch nicht dafür interessieren (beispielsweise bei Pöbeleien auf der Straße). Hier geht es offensichtlich noch um andere Aspekte. Und manche „Altersdiskriminierung“, die Betroffene auf ihr Alter beziehen, hat möglicherweise weitere Motivationen und Hintergründe – was die Sache im Einzelfall nicht besser macht.

Sicher ist: die Deutung und Auswirkungen von Diskriminierung hängen nicht allein vom Diskriminierungsgeschehen selbst ab. Eine Diskriminierung erhält ihre Bedeutung erst im Kontext. Viele Faktoren bestimmen mit, welches Gewicht eine Diskriminierung erhält und welche Folgen sie hat. Für ein Verständnis von Altersdiskriminierung ist daher die Betrachtung von Ressourcen, die vor Diskriminierungen schützen oder ihre Folgen mindern, genauso wichtig wie die Identifizierung von diskriminierenden Regelungen und Verhaltensmustern.

Was schützt vor Diskriminierung? Was mindert ihre Folgen?

Schauen wir uns an zwei beispielhaften Aspekten der Altersdiskriminierung an, wie eine ressourcenorientierte Perspektive zum Thema Altersdiskriminierung aussehen kann.

  • Institutionalisierte Ausgrenzungen: Es gibt Vereine und Organisationen, in denen die Möglichkeit zur Übernahme von Ämtern und Funktionen durch eine Altersgrenze nach oben begrenzt wird. Hier nach dem Sinn zu fragen und Fehlentwicklungen anzuprangern, ist sicher sinnvoll. Genauso sinnvoll ist, Vereine und Organisationen zu suchen, bekannt zu machen und zu fördern, bei denen diese Form der Altersdiskriminierung ausgeschlossen und auf Mitwirkungsmöglichkeiten für alle Generationen geachtet wird. Auf diese Weise kann für eine gute Praxis geworben werden. Die Vorteile generationenübergreifender Gestaltung für die Zukunftsfähigkeit von Vereinen und Organisationen können an Beispielen aufgezeigt werden (siehe dazu Kade, 2004). Und wo Wahlmöglichkeiten gegeben sind, könnten ältere wie jüngere die offeneren Vereine bevorzugen.
  • Soziale Diskriminierungen im Alltag: „Wenn ich langsam in die Straßenbahn einsteige, ich bin 72 Jahre und bin nach wie vor sportlich aktiv, werde ich als ‚lahme alte Kuh’ beschimpft, dabei sind junge Leute auch nicht immer schnell“ (KDA, Wege aus der Altersdiskriminierung..., S. 20). Der hier geschilderte Angriff ist sicher geeignet, einem den Tag zu verderben, wenn nicht gar noch längerfristiger zu verängstigen. An einem besseren Tag aber prallt so ein Angriff vielleicht folgenlos ab oder gibt sogar Anlass, sich mit dem Angreifer zu verbinden und die Bedürfnisse zu ergründen, die hinter seinem (ihrem) aggressiven Verhalten stehen. Was gibt die Fähigkeit, mit solchen Diskriminierungen selbstbewusster umzugehen und unangreifbarer zu werden? Welche Methoden helfen, sich zu immunisieren – nicht nur gegen Altersdiskriminierung? Wo werden sie erfolgreich vermittelt? Und wo finden ältere Menschen so viel Bestätigung, dass Diskriminierungen ihr Selbstbild nicht beschädigen? Und vielleicht sogar – um auf das Beispiel zurückzukommen – die Fähigkeit, sich ganz entspannt zu fragen, ob eigenes Verhalten im Einzelfall ganz unnötig zu Ärger beigetragen hat.

Eine neuere Methode, bei der die Identifizierung und Förderung vorhandener Potentiale in größeren Systemen im Mittelpunkt steht, kommt aus den USA und nennt sich „Appreciative Inquiry“ („wertschätzende Erkundung“). „Stärken finden, Stärken stärken“ gilt als zentrales Motto dieser Methode. In einem dynamischen Gruppenprozess, in dem positive Erfahrungen, Beispiele und Visionen zusammengetragen werden, entsteht schnell ein Überblick über Faktoren, die einen gewünschten Zustand ermöglichen und den Umgang mit Problemen erleichtern. Bei unserem Thema wäre das ein Überblick über Kontexte, in denen Generationengerechtigkeit, Integration der verschiedenen Lebensalter und wechselseitige Bereicherung bereits gut verwirklicht sind (mehr zur Methode der Appreciative Inquiry bei Bredemeyer, siehe Linkhinweis unten).

Ressourcen- statt Problemorientierung?

Ressourcenorientierte Sichtweisen sind modern. Die Empfehlung, von problemorientiertem Denken wegzukommen und Potentiale und Ressourcen in den Mittelpunkt zu rücken, begegnet uns in unterschiedlichsten Zusammenhängen: In der offenen Seniorenarbeit („Kompetenz- statt Defizitorientierung“), in der sozialen Arbeit insgesamt („Empowerment statt Versorgung“), im Gesundheitsbereich („Gesundheitsförderung statt Krankheitsverhütung“), im therapeutischen Sektor („Stärken statt Probleme fokussieren“). Kritik daran gibt es auch. Die richtige Strategie wird in der Mitte liegen und sich durch Pragmatismus auszeichnen: Wie entsteht ein umfassendes Bild? Wo ist der einfache Weg? Welche Diskriminierungen lassen sich leicht beseitigen (z.B. durch einfache gesetzliche Maßnahmen), wo lassen sich Ressourcen entdecken und wirksam fördern (z.B. in der Netzwerkarbeit). Komplexe Benachteiligungen müssen dabei genauso wenig verleugnet werden wie Chancen, Ausweich- und Umgangsmöglichkeiten. Zu einer pragmatischen Strategie gegen Altersdiskriminierung gehört die Suche nach diskriminierenden Bedingungen genauso wie die Suche nach Ressourcen, Potentialen und Beispielen für einen leichteren Umgang mit Diskriminierungen.


 

Literatur- und Linkhinweise

Bredemeyer, Sabine: Appreciative Inquiry. Online verfügbar: www.bredemeyerandfriends.de/110.html

Carls, Christian (2006): Prävention, Gesundheitsförderung und gemeinwesenorientierte Seniorenarbeit. Forum Seniorenarbeit, Oktober 2006. Online verfügbar

Herriger, Norbert: Grundlagentext Empowerment  www.empowerment.de/grundlagentext.html

Kade, Sylvia (2004): Alternde Institutionen. Wissenstransfer im Generationenwechsel.

Kuratorium Deutsche Altershilfe (Hg.) (2006): Altersdiskriminierung – Alterspotenziale. Wie sieht der Alltag aus? Dokumentation der Veranstaltung am 12. Dezember 2005 im Maternushaus in Köln.

 

Kontakt

Christian Carls
Forum Seniorenarbeit NRW
c/o Diakonisches Werk Rheinland
Lenaustr. 41
40237 Düsseldorf

Tel.: 0211 6398-284
christiancarls@sol-dw.de

 

Dieser Artikel ist Teil des Themenschwerpunktes Februar 2007: Gleiche Rechte und Chancen für alle Lebensalter.

 

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15.02.2007 
Quelle: Christian Carls