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„Es ist machbar, Herr und Frau Nachbar…“

Erfahrungswissen für Initiativen: "Wohnen" und "Nachbarschaft" als Themen
im EFI Programm NRW

Ute Schünemann-Flake, ZWAR Zentralstelle NRW
(aktualisiert im Januar 2010)


„Es ist machbar, Herr und Frau Nachbar…“ so lautete die Überschrift zu einem Zeitungsartikel, den die Projektinitiatorin Margarete Dott, Teilnehmerin am Programm „Erfahrungswissen für Initiativen (EFI NRW) in einer Hagener Zeitung zur Werbung für mehr MitstreiterInnen veröffentlichte.

„Gelebte Nachbarschaft in Hagen Wehringhausen“ ist ein EFI Projekt in NRW, das das Ziel verfolgt, ein selbstorganisiertes soziales Netzwerk unter den BewohnerInnen in einem Stadtteil aufzubauen und den Zusammenhalt untereinander zu stärken.

Immer wieder wird die Bedeutung des Themenkomplexes „Wohnen im Alter“  und „nachbarschaftliches Leben“ in zahlreichen Veranstaltungen und Seminaren zur Lebenssituation von Menschen in der nachberuflichen / nachfamilialen Phase zentral hervorgehoben. Lebensqualität im Alter hängt in besonderem Maße angesichts zu erwartender Veränderungen in wichtigen Lebenszusammenhängen entscheidend von den Bedingungen der Wohnung, der Nachbarschaft und des Wohnumfelds ab.

Die soziale Einbindung älterer Menschen in eine Gemeinschaft und eine anregende Umgebung sind wichtige Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Sie befriedigen nicht nur menschliche Grundbedürfnisse, indem sie Zugehörigkeit, Schutz, Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, sondern ermöglichen auch aktive Mitgestaltung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Sie beugen Isolation und Vereinsamung vor.

Die Übernahme sozialer Verantwortung und ein engagierter sinngebender Einsatz für eine Gemeinschaft fördern darüber hinaus generationsübergreifende Kontakte und tragen zum Erhalt der geistigen, sozialen und körperlichen Beweglichkeit bei.

Vor diesem Hintergrund entstehen immer mehr Projekte und –ideen, sodass Klaus Dörner angesichts dieser Entwicklung vom „Wachsen einer „Neuen sozialen Bewegung“ seit den 80er Jahren und „der Entdeckung der Nachbarschaftlichkeit als einen großen Verdienst“ spricht. (Dörner 2007)

Die Kommunen ihrerseits sind vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und demografischen Entwicklung vor die Aufgabe gestellt, Hilfe für Pflegebedürftige und ihre pflegenden Angehörigen in überalterten und überforderten Nachbarschaften sowie in instabiler werdenden Familienstrukturen zu organisieren.

Vertreter der modernen Seniorenarbeit machen schon seit einiger Zeit auf einen Perspektiv-Wechsel aufmerksam.

Sie weisen einerseits auf die Potentiale des Alters hin, andererseits darauf, dass allen Reden von Egozentrik und Individualisierung zum Trotz großes Interesse an Gestaltungswillen und der Übernahme von sozialer Verantwortung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen besteht.

Ressourcen von Menschen im nachberuflichen Leben, ihr Erfahrungswissen, ihr soziales und kulturelles Kapital, ihre Innovationskraft, vor allem aber ihr Interesse an der Mitgestaltung von Strukturen und lebenslangem Lernen, das zunehmend als der Schlüssel zur Lösung anstehender Zukunftsaufgaben gesehen wird, werden verstärkt in den Blick genommen.

Dort, wo die Probleme des Lebens im Alter als Entwicklungsaufgaben formuliert werden, entstehen innovative kreative und nachhaltig wirkende Bildungs- und Betreuungskonzepte.

In deren Mittelpunkt stehen die Förderung von Selbstorganisation und bürgerschaftlichem Engagement, die Qualifizierung für freiwillige Tätigkeiten und insbesondere der Aspekt der soziale Vorsorge.

Soziale Vorsorge muss als gleichberechtigte Säule neben der Renten- und der gesundheitliche Vorsorge stehen.

Dies sind zentrale Gedanken der Qualifizierungen des EFI Programms NRW, das im Rahmen der „Qualifizierungsoffensive“ des Landes NRW gefördert wird.

 

Soziale Netzwerke und bürgerschaftliches Engagement als Herzensanliegen

Begegnungsräume zu schaffen und neue Kontakte zu ermöglichen, gehört zu den klassischen Zielen der offenen Seniorenarbeit. Die so genannte "Netzwerkarbeit" mit Älteren ist dabei der modernste Ansatz zur Förderung sozialer Netze.

Anlässe, Methoden und Zugänge im Bereich der Netzwerkbildung mit und für Ältere sind Charakteristika der verschiedenen sich ergänzenden Anbieter in NRW (vgl. Forum Seniorenarbeit, Themenschwerpunkt Juli 2006: Netzwerk-sensible Seniorenarbeit).

Was sie eint, ist das Bestreben, Menschen mit einem beträchtlichen Zuwachs an gewonnener Freiheit und Selbstbestimmung in der nachberuflichen / nachfamilialen Phase anzusprechen und zu bewegen, miteinander in Kontakt zu treten. Netzwerkarbeit spricht Menschen an auf der Suche nach Neuorientierung, nach neuen sozialen Kontakten und sinnstiftenden Tätigkeiten, die gemeinsam mit anderen etwas für sich selbst, für andere, für ihre „Nachbarschaft“, für ihren Stadtteil und für die Gesellschaft zu tun.  Die je eigenen Begabungen und erworbene Fähigkeiten werden so zum eigenen und zum Wohle der Gemeinschaft eingesetzt. Somit wird die soziale Netzwerkarbeit mit sozialer Verantwortung gekoppelt.

Immer mehr Ältere beteiligen sich an Freizeit- und Bildungsangeboten und / oder engagieren sich bürgerschaftlich, um ihr soziales Netz zu erweitern. Solch neuen Kontakte sind wichtig, wenn in den verschiedenen Lebenszusammenhängen Bezugspersonen im Beruf, der Familie, dem Freundeskreis und der Nachbarschaft / dem Stadtteil weniger werden oder gar verloren gehen.

Wer, vor allem im hohen Lebensalter, auf die Effekte und Annehmlichkeiten sozialer Einbindung zurückgreifen möchte, muss auf den Aufbau und den Erhalt seiner sozialen Netze Wert legen und sich zeitlebens für deren Erhalt engagieren.

 „Der Aufbau von sozialen Netzwerken als soziale Unterstürzungssysteme, verbunden mit der Erfüllung eigener Bedürfnisse und Sinnfindungen, wird ein zunehmender Motor des bürgerschaftlichen Engagements (BBE, S. 9)

Das moderne bürgerschaftliche Engagement mit dem Verständnis von einem  gemeinsamen Entwicklungs- und Lernprozess steht und fällt dabei mit der Bündelung der vorhandenen Ressourcen im Gemeinwesen, einer auf Dauer angelegten Vernetzung von Praxisfeldern in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und einer von Gleichberechtigung geprägten Form der Zusammenarbeit. Dies bedingt die Notwendigkeit der Schaffung und Zusammenführung von Partnern und Strukturen für Kooperation und Vernetzung im Quartier, in den jeweiligen Stadtteilen, im „dritten Sozialraum der Nachbarschaft“. (Dörner 2007, S. 92)

Gleichzeitig impliziert es eine Form von Engagement nicht in irgendwelchen Projekten, sondern bringt Projekte für Themen und Zielgruppen hervor, für die sich die Älteren engagieren möchten, wofür ihr Herz schlägt. Das Engagement für „Herzensanliegen“ motiviert dabei zur Erschließung von neuen Aufgabenfeldern und gibt Anstoß für gesellschaftliche Veränderungsprozesse.

So lautet ein zentraler Satz aus dem EFI Qualifizierungsprogramm NRW „Um glücklich zu sein, müssen wir tun was wir lieben“ (Sher 2005) und schafft so in diesem Sinn gemeinsam mit den Älteren neue Verantwortungsrollen in ihren Projekten, in denen sie als Multiplikatoren, Impulsgeber und Mitgestaltende nachhaltig und vernetzt im Wir-Raum wirken.

 

„Wohnen“ und „Nachbarschaft“ als Themen im EFI Programm NRW

Das zentrale Thema  "Wohnen" tritt auch im EFI Programm NRW stark in den Vordergrund, denn es berührt, wie kein anderes Thema, existentielle Fragen der Gestaltung des eigenen Alters, des Lebensraums und des Mit- und Füreinanders.

In Zukunft wird es darauf ankommen, zur "Hardware" des Wohnens, also zu den seniorengerechten Wohnformen und Wohnungsausstattungen, eine kompatible "Software" zu entwickeln. Menschen aller Altersgenerationen werden "Wohnen" und "Nachbarschaftliches Leben" lernen müssen.

Ein vor diesem Hintergrund von SeniorTrainerInnen initiiertes und mit entwickeltes Konzept trägt den Namen „Wohnen mit Verantwortung“.

Wohnen mit Verantwortung bedeutet: mit Anderen aktiv werden - für ein lebendiges Miteinander der Generationen und Kulturen in Nachbarschaft und Wohnumfeld, für den Aufbau und Erhalt tragfähiger sozialer Netze, für gegenseitige Hilfe und für die Entlastung nachfolgender Generationen.

Dabei ist allen Beteiligten klar: Wir können die Städte nicht neu bauen. Wir müssen Lösungen im Bestand entwickeln.

Wohnen mit Verantwortung setzt auf das Erfahrungswissen älterer Menschen. Wenn es gelingt, das Erfahrungswissen Älterer für Initiativen in Nachbarschaft und Wohnumfeld  zu nutzen und zu bündeln, dann hätte dies große Auswirkungen für die Förderung von Selbsthilfe, Selbstorganisation und bürgerschaftlichem Engagement aller Altersgenerationen. Wenn möglichst viele Menschen ermutigt werden können, sich – ihren individuellen Interessen entsprechend - aktiv in die Gestaltung ihres nachbarschaftlichen Lebens einzubringen, wäre für das Wohnumfeld viel erreicht.

Es unterstreicht die Bedeutung des Miteinanders der Generationen und die Idee von der lernenden Organisation bzw. der lernenden Nachbarschaft für die Zukunft.

Nach Klaus Dörner ist demografischer Wandel keine Aufgabe, die auf eine einzige Generation abgewälzt wird und bei der man vom Sessel aus zusehen kann.

Im Rahmen einer EFI Lernplattform NRW zu dem Themenbereich wurden Fragen formuliert, um die es in Zukunft gehen wird:

  • Was müssen wir gemeinsam lernen, damit wir in unserem Quartier gut leben und gut alt werden können?“
  • Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Wie verhindern wir überforderte Nachbarschaften?
  • Wie gestalten wir das Miteinander der Kulturen und Generationen?
  • Was können wir tun, um junge Familien zu entlasten, die nicht nur ihre Kinder erziehen, sondern sich auch vermehrt um ihre alten Eltern kümmern müssen?
  • Wie versorgen wir allein stehende (ältere) Menschen?
  • Wie eröffnen wir jungen und alten Menschen bessere Lebens- und Bildungschancen?
  • Wie gehen wir verantwortungsvoll mit unserer Umwelt um?

Soll generationen-übergreifendes Lernen gelingen und sollen die Ergebnisse nachhaltig wirksam sein, müssen Strukturen für Kooperation und Vernetzung im Quartier genutzt bzw. neu aufgebaut werden. Vor allem gilt es, private und öffentliche Räume in Nachbarschaft und Stadtteil aufzuspüren und auf ihre Eignung für gemeinsames Lernen hin zu überprüfen: Familien-  und Gemeindezentren bieten sich an, Bürgerhäuser, Museen, Theater, Künstlerateliers aber auch Fitnessstudios und – wie ein gelungenes Beispiel in Duisburg zeigt – sogar Wartezimmer von Ärzten.

Gleiches gilt für die Methoden und Inhalte zukünftigen gemeinsamen Lernens: Auch hier wird alles Bestehende einer Überprüfung unterzogen werden müssen. Auch hier wird es darum gehen, parallel zu zukunftsfähigen traditionellen Ansätzen innovative Konzepte zu entwickeln und zu erproben - und zwar in intergenerativen, interkulturellen und interdisziplinären Teams.

 

Das EFI Projekt „Gelebte Nachbarschaft in Wehringhausen“

Das eingangs erwähnte Nachbarschaftsprojekt ist ein EFI Projekt in NRW, das die Ideen ihres Titels seit ca. einem Jahr umsetzt und kontinuierlich weiterentwickelt.

Es wurde von der Hagenerin Margarete Dott im Rahmen ihrer Tätigkeit als seniorTrainerin ins Leben gerufen und hat in der Zwischenzeit etliche MitstreiterInnen im Stadtteil gewonnen und über die Stadtteilgrenzen hinaus bereits große Anerkennung gefunden.

Kooperationspartner sind neben der Freiwilligenzentrale und dem Seniorenbüro der Stadt Hagen, die ZWAR Zentralstelle NRW, die AWO Begegnungsstätte, Vereine und die Händlergemeinschaft im Stadtteil sowie die Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft.

Monatlichen Treffen des Netzwerks dienen dem Kennen lernen der Nachbarn und Nachbarinnen verschiedenen Alters und Kulturen untereinander, der Organisation und der gemeinschaftlichen Weiterentwicklung des Projekt. Sie bilden die Grundlage für das notwendige Vertrauen unter den Aktiven, die individuellen Erfahrungen, Kompetenzen und Wissen für einen lebendigen Stadtteil mit Zukunft einsetzen.

Mitgestaltung ihrer Nachbarschaft bzw. Wohnumgebung bedeutet für sie die  Übernahme der Verantwortung, ihr Nachbarschaftsnetzwerk aufzubauen bzw. zu erhalten. Mit ihrem freiwilligen Engagement wollen sie für sich mit anderen für andere zu einer Wohnumgebung beitragen, die für sie und die anderen Generationen lebenswert ist.

Als Nachbarschaftsnetzwerk in räumlicher Nähe werden gegenseitige Hilfestellungen gegeben, wie beispielsweise kleine Einkäufe erledigt, Blumen gegossen oder in Notfällen zur Seite gestanden.

Daneben stehen gemeinsame Projekte zur Stadtteilerneuerung- und -belebung, die Einrichtung eines Stadtteilcafes und vor allen Dingen der Aufbau von Kooperationsstrukturen auf der gemeinsam ausgearbeiteten Agenda.

Das Projekt Motto – sichtbar auf den eigens entwickelten Flyern - lautet „Miteinander, Füreinander, Umeinander“ wird ergänzt um die Erkenntnis “Wenn Nachbarn zusammenhalten, ist das ein Gewinn für jeden Einzelnen – sozial, kulturell und wirtschaftlich“.

Ein auf Nachhaltigkeit angelegte erfolgreiche Beispiel eines neu entstandenen und sich stetig weiterentwickelten sozialen Nachbarschaftsnetzwerks im Stadtteil, das Lust und Mut macht, soziale Netze zu bilden und in Netzwerken gemeinsam zu lernen, zu arbeiten und zu altern.

 

Hinweis auf andere Beiträge hier im Forum Seniorenarbeit NRW

Interview mit Margarete Dott zum Projekt `Gelebte Nachbarschaft in Wehringhausen`

Literatur

Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE): »Zukunftstrends der Bürgergesellschaft« Diskussionspapier des BBE beschlossen vom Koordinationsausschuss, 2008

Dörner, Klaus: Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem. Neumünster 2007

Dörner, Klaus: Sinnvolles Gestalten. Fürst Donnersmarck-Stiftung - Hörbericht des Vortrags am 27. Juni 2007 in der Villa Donnersmarck.

Heetderks, Gerrit und Nell, Karin: Erfahrungswissen für Initiativen (EFI)
Fortbildungskonzept des Evangelischen Erwachsenenbildungswerks. Forum Seniorenarbeit April 2007; Themenschwerpunkt Fortbildung für die Seniorenarbeit - gute Beispiele und neue Arbeitsformen

Nell, Karin: Engagement mit Eigensinn: Neue Verantwortungsrollen älterer Menschen im bürgerschaftlichen Engagement. Forum Seniorenarbeit November 2007; Themenschwerpunkt Bürgerschaftliches Engagement im Fokus.

Stanjek, Paul: ZWAR Zentralstelle NRW – Netzwerkorientierte Qualifizierungen zur Modernisierung der sozialen Arbeit mit älteren Menschen. Forum Seniorenarbeit April 2007; Themenschwerpunkt Fortbildung für die Seniorenarbeit - gute Beispiele und neue Arbeitsformen

Sher, Barbara: Wishcraft. Lebensträume und Berufsziele entdecken und verwirklichen. Edition Schwarzer 2005

www.efi-nrw.forum-seniorenarbeit.de: Erfahrungswissen für Initiativen (EFI) - Das Qualifizierungsprogramm für seniorTrainerinnen und seniorTrainer in Nordrhein-Westfalen;

www.netzwerke-duesseldorf.de/images/Broschuere.pdf -Wohnen mit Verantwortung, Düsseldorf 2004

 

 

Kontakt:

 

Ute Schünemann-Flake

ZWAR Zentralstelle NRW

Steinhammerstr. 3

44379 Dortmund

Telefon: 0231 – 961317-32

Mail: ut.schuenemann@zwar.org

 

 

 

 

Dieser Artikel ist Teil des Themenschwerpunktes Älter werden im Wohnquartier: Lebendige Nachbarschaft - Wie gelingt das? im Mai 2008.

 

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Autor: Christian Carls