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Buchtitel

 

Leben und sterben, wo ich hingehöre

Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem

Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Hamburg

"Leben und sterben, wo ich hingehöre" ist ein neues Buch von Klaus Dörner (Paranus-Verlag, 2007), in dem die Vision eines umfassenden deinstitutionalisierten Hilfesystems mit Bürgerbeteiligung entwickelt wird. Beschrieben werden Strategien auf unterschiedlichen Ebenen, die den Verbleib in der Wohnung oder im Viertel in sozialer Eingebundenheit bis zum Tod für alle ermöglicht. Eine zentrale Rolle spielt dabei der "dritte Sozialraum der Nachbarschaft".

Bekannt wurde Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, der profilierteste Vertreter der deutschen Sozialpsychiatrie (Wikipedia, Mai 2008), vor allem als Wegbereiter und Begleiter erfolgreicher Deinstitutionalisierung in der deutschen Psychiatrie (Klaus Dörner: "Ende der Veranstaltung", 1998).  Die für viele Fachleute damals überraschenden, guten Erfahrungen mit diesem Systemwechsel in der Psychiatrie sind ein Hintergrund der umfassenderen Vision für ein neues Hilfesystem.

Mit Genehmigung des Verfassers finden Sie hier eine Collage zur Einführung in zentrale Thesen aus dem Buch "Leben und sterben, wo ich hingehöre". An wenigen Stellen wurden Sätze leicht gekürzt,  einzelne Worte aus dem Zusammenhang ergänzt und Zwischenüberschriften und Hervorhebungen eingefügt, um die Lesbarkeit in dieser Textcollage zu erhalten. Zusammenstellung: Christian Carls

 

Die Wiederentdeckung des dritten Sozialraumes

Von allen solidaritätsstabilisierenden Institutionen ist die Nachbarschaft diejenige, die durch die Modernisierung und Institutionalisierung des Helfens am meisten demontiert und fast (denn ganz verschwinden konnte sie nie) unsichtbar gemacht wurde. Sie gehört zu dem merkwürdigen Zwischengebilde des dritten Sozialraums, der zwischen dem ersten Sozialraum des Privaten und dem zweiten Sozialraum des Öffentlichen liegt. Mit Ausnahme der auch insofern abnormen Epoche der Modernisierung (1880 – 1980) konnte keine Kultur der Menschheitsgeschichte auf diesen dritten Sozialraum verzichten, weil er für das notwendig war, was die Fähigkeiten des einzelnen familiären Haushalts überstieg, also einmal für die Integration zwischen sozial Innerem und Äußeren, Eigenem und Fremdem (auch für unser Migrationsproblem entscheidend) und zum anderen für das Helfen, also für den überduchschnittlichen Hilfebedarf, für die Alleinstehenden, die gar keine Familie haben, und für die Bewegungsbeeinträchtigten, damit sie alles fußläufig erreichen können, was sie zum Leben brauchen. Auch Helmuth Plessner sieht zwischen dem Privatraum und der Gesellschaft den "Wir"-Raum, womit der Raum gemeint ist, den die Menschen als "Wir" erleben können, die Zone der Begegnung zwischen dem konkreten Anderen und dem verallgemeinerten Anderen. Dabei versteht er aber diesen Raum streng territorial, weil die dort mögliche Wir-Solidarität alle Menschen umfassen muss, die dort leben, während er "Gemeinschaft" als gesellschaftszerstörend ablehnt, weil sie die Zugehörigkeit von Menschen nach Eigenschaften bewertet, zum Beispiel nur Arbeiter, nur Katholiken, nur "Volksgemeinschaft", alle anderen ausgrenzt. So gesehen, ist – vor allem im Unterschied zum Markt – die bürgerschaftliche Steuerungsform des Helfens die territorial begrenzte Solidarität, die auf einer "asymmetrischen Gegenseitigkeit" beruht, wo ich zu geben habe, was ich kann (etwa Zeit, aber auch Geld), währen der hilfsbedürftige Andere zu bekommen hat, was er braucht. Es gibt also viele überlebenswichtige Gründe, den Sozialraum der Nachbarschaft für das zugegebenermaßen schillernde und sich der Planbarkeit entziehende Herzstück der Gesellschaft zu halten. Nachdem der 100-jährige Modernisierungsfortschritt uns vermuten ließ, Nachbarschaft sei als vormodern überholt, ist unsere Einsicht ein Geschenk der Zunahme der Alten und Chroniker, dass wir diese, das Gemeinwesen auch im übrigen verlebendigende Kostbarkeit dringender brauchen als je zuvor. (S. 92f)

Eigenschaften und Stärken des dritten Sozialraumes

1. Solidarität lässt sich wirksam nur mobilisieren, wenn alle Beteiligten ihre Verantwortung streng territorial definieren, zwar jenseits der Grenze lebende Menschen ausschließen, dafür aber alle im Territorium lebende und hingehörende Menschen einbeziehen. Das entspricht dem Konzept des community living. Das sollte sich auch finanziell abbilden nicht in einem kommunalen, sondern in einem Sozialraum- oder Nachbarschaftsbudget. Angenähertes Beispiel: Das Sozialraumbudget in Hamburg-Eimsbüttel.

2. Die Größenordnung eines Nachbarschafts-Sozialraums wird vor allem zu Beginn des Prozesses der "Vernachbarschaftlichung" sehr unterschiedlich sein, könnte etwa den Einzugsbereich einer Grundschule oder einer oder zwei Kirchengemeinden umfassen.

3. Wichtiger für die Größenordnung ist es, dass es sich dabei um einen anschaulich erlebnisfähigen Erfahrungsraum handelt, eben um einen "Wir"-Raum. (...)

4. Damit sind wir schon dem Wirksamkeitsgeheimnis von Nachbarschaft auf der Spur: Nur wer sich von der Zuständigkeit für das Elend der ganzen Welt freigestellt sieht, wird sein Engagement – bei immer zu unterstellendem Bedürfnis nach Bedeutung für Anderen – für seinen eigenen Sozialraum geradezu zwangsläufig erhöhen, ob er will oder nicht, weil er sich auf die Begrenztheit seines Aufgabenfeldes verlassen kann.

(...)

6. Unser Wissen, dass es auch früher in der Regel keine Großfamilie gab, ist auch für unsere heutige Praxis ganz brauchbar, denn somit steht fest, dass sowohl menschheitsgeschichtlich als auch heute die kleinste tragfähige Einheit zum Helfen-für-alle "Haushalt+Nachbarschaft" (gewesen) ist. Es handelt sich um eine funktionelle Einheit, die man nur künstlich auseinandernehmen kann.

7. Da der dritte Sozialraum nicht nur in den privaten, sondern auch in den öffentlichen Sozialraum ausstrahlt, gilt ebenfalls, dass er die kleinste Einheit demokratischer Selbstverwaltung darstellt; damit ist er auch der einzige Raum, wo sich der konkrete Andere und der verallgemeinerte Andere, die sonst zwischen privatem und öffentlichem Raum eher aufgeteilt sind, sinnlich wahrnehmbar begegnen. Das legitimiert Bestrebungen, wonach zu jeder Nachbarschaft insbesondere für die Organisation des Helfens auch so etwas wie ein Sprecherrat oder ein Nachbarschaftsverein gehört. Es könnte anfangs – Beispiel – auch so etwas wie ein Runder Tisch der Honoratioren oder Multiplikatoren des Helfens sein (etwa Hausarzt, ambulanter Pflegedienstleiter, Pfarrer, Schulrektor).

(...)

9. Die Nachbarschaft ist – nächst dem familiären Haushalt – der niedrigschwelligste Sozialraum zum Helfen. Daher entfällt hier die auf höheren und institutionellen Ebenen immer noch beliebte Spezialisierung, also Sortierung der Menschen nach Beeinträchtigungsarten. Auf der Nachbarschaftsebene leben die Menschen mit unterschiedlichem Hilfebedarf nach dem Normalverteilungsprinzip, so wie sie gerade mal irgendwo hingehören. Daher interessieren sie hier auch nicht so sehr nach ihren Defiziten, sondern mehr nach dem, was sie für Andere beizutragen haben.

(...)

11. Noch ein bisschen mehr zum merkwürdigen Innenleben der Nachbarschaftsbeziehungen: Zunächst bedeuten sie eine quantitative Vermehrung der Schultern, auf die sich eine konkrete Pflegelast verteilt, bis die jeweilige Tochter oder Schwiegertochter (um die handelt es sich meistens, wenn sich das auch noch ändern wird) wieder zu ihren eigenen Interessen kommt und bei allen Beteiligten Selbstbestimmung und Bedeutung für Andere sich im Gleichgewicht befinden.

12. Nachbarschaftshilfe macht aber, was leicht vergessen wird, das familiäre Sorgesystem auch qualitativ tragfähiger; denn wenn ich als Tochter oder Sohn meiner dementen Mutter in 24-Stunden-Schicht dienlich bin, wird auch die größte Liebe zeitweilig in Hass, Todes- oder Tötungswunsch und dann auch in Gewalt umschlagen. Hier wirkt schon die gelegentliche Präsenz eines Nachbarn als eines System-Fremden emotional abkühlend und damit entlastend.

13. Philosophisch gesehen, besitzt gerade der Bürgerhelfer als Nachbar die Urteilskraft, also dasjenige Vermögen, das es erlaubt, einen konkreten Anderen in einem nicht zu verwissenschaftlichenden Freiheitsraum in seiner stets unvergleichbaren Einmaligkeit zu sehen, während Wissenschaft, Profis und Markt stets gehalten sind, diesen konkreten Anderen zu verallgemeinern, zu vergleichen, zu standardisieren und ihn zu rationalisieren, so wichtig das für sich auch sein mag. Dem Anderen in seiner Selbstzweckhaftigkeit dienend, darf der Bürgerhelfer, will er als er selbst wirksam bleiben, sich nicht zur Verallgemeinerung verführen lassen. Das wird einmal relevant, wenn die Profis sich beeilen, die Bürgerhelfer "schulen" zu wollen, was bis zu einem gewissen Grad okay ist, jedoch gefährlich wird, wenn der Bürgerhelfer zum Schluss den Anderen genauso sieht wie der Profi. (S. 94ff)

Der Beitrag der Bürgerbewegung

Wenn fast alle Hilfsbedürfigen, insbesondere alle Alten und Alterspflegebedürftigen/Dementen leben, altern, sterben wollen, wo sie hingehören, dann ist es die vornehmste Aufgabe der Bewegung der helfenden Bürger, ihre Ressourcen, bei Insuffizienz der familiären Selbsthilfekräfte, so einzusetzen, dass dieses Ziel erreicht wird. Zu dieser Radikalität gibt es keine Alternative, da eine solche nicht mehr zu begründen und zu rechtfertigen ist, spätestens seit wir wissen, dass die Schwere der Pflegebedürftigkeit kein Hinderungsgrund mehr ist. (S. 81)

Der Beitrag der Profis

Da die Bürger sich nur in der Nachbarschaft für alle, auch die sonst ausgegrenzten, engagieren können, bin ich als Profi nur glaubwürdig, wenn ich dies auch tue. Während ich mich auf höheren Ebenen mit großräumiger Zuständigkeit zu institutionalisieren und zu spezialisieren gewohnt bin, muss das aus diesem Grund auf der Ebene der Nachbarschaft, des Viertels, der Dorfgemeinschaft entfallen; hier sind Deinstitutionalisierung und Entspezialisierung angesagt. Daher habe ich etwa mit meinem ambulanten Pflegedienst in diesem dritten Sozialraum alles zu pflegen, was es gibt... Fehlt mir für einen Einzelfall Spezialwissen, so bleibt auch dieser Bürger, wo er hingehört; vielmehr habe ich mir von außen so lange Spezialwissen einzukaufen, bis ich auch darin kompetent bin... Für mich als Profi besteht daher für meinen dritten Sozialraum Pflicht- oder Vollversorgung. (S. 173)

Der Beitrag der Hilfsbedürftigen

Schließlich habe ich als Hilfsbedürftiger die Aufgabe, mich dafür einzusetzen, je nach dem Hilfeanlass auch dafür zu kämpfen, dass ich nicht dorthin gebracht werde, wo die Hilfe stattfindet, sondern dass die Hilfe zu mir kommt, dorthin, wo ich hingehöre. Das ist vielleicht nicht gerade bei einer Herzoperation anzuraten, gilt aber für immer mehr Hilfstätigkeiten, selbst technischer Art, weil der technische Fortschritt darin zu fördern ist, dass seine Produkte mobiler und bürgertauglicher werden. Ein solches Kämpfen ist zunehmend bedeutsam, weil einmal die Hilfe, wenn sie in meinem Haushalt stattfindet, bei geringerem Aufwand wirksamer und nachhaltiger ist (zum Beispiel Hausarzt), weil zum anderen ich damit die Chancen des neuen Hilfesystems nicht nur nutzen, sondern auch fördern kann und weil ich zum Dritten zunehmend einen Rechtsanspruch darauf habe. (S. 126)

 

Hinweis auf andere Beiträge hier im Forum Seniorenarbeit

Interview mit Klaus Dörner

 

Literatur

Klaus Dörner: Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem. Paranus Verlag, Edition Jakob van Hoddis, 2007.

 

Kontakt

Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner
Nissenstr. 3
20251 Hamburg

 

Linkhinweis

Audiodatei zu einem Vortrag von Prof. Dr. Klaus Dörner  von der Tagung "Natürlich geht das. Nachbarschaftliches Leben in der Gemeinde" des Evangelischen Zentrums für Innovative Seniorenarbeit am 26. Februar 2008 in Düsseldorf.

 

 

 

Dieser Artikel ist Teil des Themenschwerpunktes Älter werden im Wohnquartier: Lebendige Nachbarschaft - Wie gelingt das? im Mai 2008.

 

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Autor: Christian Carls